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16. Oktober 2026

Dossier · Pharma & Medizin

Wer spricht hier für die Jugend?

16. Oktober 2026 — Dr. L. Rath

Zwölf Titel stehen auf der Shortlist des Salon5 Jugendbuchpreises 2026. Zwölf Bücher, ausgewählt von einer Jury aus 13- bis 19-Jährigen — so die offizielle Lesart der Correctiv-Jugendredaktion Salon5. Wer aber legt fest, was ein „gutes Jugendbuch" ist? Wessen Geschmack wird hier wirklich gemessen — und wessen Geschmack wird uns als Geschmack der Jugend verkauft?

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Eine Quelle, ein Artikel, eine Pressemitteilung in Textform. Wer Genaueres über die Auswahlkriterien, die Zahl der eingereichten Bücher, die internen Diskussionsprozesse oder die Bewertungsmaßstäbe der Jury erfahren will, liest bei Correctiv — und sonst nirgends. Die Behauptung, Jugendliche hätten „gelesen, diskutiert und bewertet", steht im Raum. Sie steht allein.

Das ist kein Vorwurf an Salon5. Es ist eine Anmerkung zur Beweislage. Und Beweislage ist, was Investigativreporterinnen und -reporter von Pressearbeit unterscheidet.

Sechs Jahre gibt es den Preis inzwischen. Eine beachtliche Vita. In dieser Zeit haben Namen den Preis gewonnen oder die Shortlist geziert, die in der deutschen Buch-, Medien- und Kulturlandschaft keine Unbekannten sind: Mai Thi Nguyen-Kim, Ursula Poznanski, Marc-Uwe Kling, Tobias Schlegl, Tahsim Durgun. Das muss kein Vergehen sein. Aber es wirft eine Frage auf, die in der Berichterstattung über Jugendkultur zu selten gestellt wird: Wessen Geschichten werden Jugendlichen als „lesenswert" präsentiert — und wer profitiert von dieser Sichtbarmachung?

Im November 2025 wurde der Preis in Bottrop verliehen. Tahsim Durguns Auftritt wurde als „besonderes Highlight" gefeiert — ein Autor, dessen „Präsenz auf Social Media vielen Jugendlichen bereits bekannt war". So steht es im Correctiv-Text. Eine schöne Erfolgsmeldung. Eine, die nebenbei auch zeigt: Bekanntheit ist ein Faktor. Ein Faktor, der nicht in der Qualität eines Buches liegt, sondern in der Reichweite eines Namens.

Die diesjährige Shortlist liest sich wie eine Mischung aus gesellschaftspolitischem Anspruch und Unterhaltung. „Unser Schmerz ist unsere Kraft" von Gamze Kubaşık, Semiya Şimşek und Christine Werner klingt nach Aufarbeitung. „Bestie" von Joana June, „Crushing Souls" von Carolin Wahl, „The First to Fall: Red Summer" von Kristina Moninger klingen nach Spannung, Identitätssuche, schwierigen Themen. Dazu Fantasy wie „Ravenhall Academy: Verborgene Magie" von Julia Kuhn, „Chain-Gang All-Stars" von Nana Kwame Adjei-Brenyah, „Das Mädchen aus der Schwebenden Welt" von Axie Oh. Auch „You are a Girl on Fire" von Dr. med. Sheila de Liz — ein Titel, der die ärztliche Stimme in die Jugendliteratur trägt.

Eine neunköpfige Jury im Alter von 13 bis 19 Jahren, so wird versichert, habe diese Bücher ausgewählt. Die Jury, so Correctiv, müsse „nicht zu einem Konsens kommen". Unterschiedliche Meinungen gehörten „zur Diskussion darüber, was ein gutes Jugendbuch ausmacht". Das klingt demokratisch. Das klingt partizipativ. Das klingt nach einem Appell an das Selbst, als Maßstab — nicht an den Verlag, nicht an die Buchhandelsketten, nicht an die Bestsellerlisten, deren Mechanik wir aus anderen Märkten kennen.

Die Preisverleihung ist für Ende November angekündigt. Correctiv selbst datiert den Termin auf den 27. November im Kammerkonzertsaal Bottrop, andere Quellen sprechen vom 28. November. Der Eintritt ist frei, die Plätze sind begrenzt, eine Anmeldung wird empfohlen. Eine Bühne, ein Publikum, eine Jury, ein Abend, Lesungen, Live-Musik, ein Büchertisch der Humboldt Buchhandlung. Parallel dazu stehen fünf Bücher im Rennen um den Buxtehuder — ein anderes Verfahren, ein anderer Preis, dieselbe Grundsatzfrage: Wer legt fest, was die Jugend liest?

Was hier nicht steht und was Correctiv auch nicht auflöst: Nach welchen Kriterien wurden die zwölf Bücher tatsächlich ausgewählt? Wie viele Bücher wurden eingereicht? Welche Titel sind durch das Raster gefallen, und warum? Was passiert mit Büchern, deren Themen nicht in den Kanon passen, den die Jury — oder die Redaktion, die sie begleitet — für angemessen hält? Wie viele weibliche, wie viele männliche Stimmen, wie viele nichtweiße Perspektiven stehen tatsächlich auf der Liste — und wie viele wurden bereits im Vorfeld aussortiert?

Correctiv nennt sich eine Faktencheck-Redaktion. Das ist gut. Das ist im deutschen Journalismus rarer, als es sein sollte. Es bedeutet aber auch, dass die Berichterstattung über den eigenen Preis mit derselben Skepsis zu lesen ist wie jeder andere Bericht. Wer die Auswahlgrundlage nicht offenlegt, wer die Kriterien nicht publiziert, wer den Prozess nicht dokumentiert, gibt seinen Leserinnen und Lesern keine Möglichkeit, das Urteil der Jugend zu überprüfen.

Die Shortlist ist kein Zufall. Sie ist ein Akt der Auswahl. Und jede Auswahl ist auch eine Verengung — auch dann, wenn sie als Akt der Teilhabe daherkommt. Vor allem dann.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 3 von 5 Behauptungen belegt
  1. ZAHL Zwölf Bücher haben es auf die Shortlist des Salon5 Jugendbuchpreises 2026 geschafft

    „Zwölf Bücher haben es in diesem Jahr auf die Shortlist geschafft:“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZAHL Fünf Bücher sind im Rennen um den Buxtehuder

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  3. ZAHL Die Shortlist des Salon5 Jugendbuchpreises 2025 steht fest

    im Quelltext gefunden

  4. ZAHL Jugendliche zwischen 13 und 19 Jahren haben Titel bewertet

    „Eine Jugendjury aus 13- bis 19-Jährigen hat die Titel gelesen, diskutiert und ihre Favoriten für die diesjährige Shortlist ausgewählt.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  5. DATUM Der Salon5 Jugendbuchpreis wird am 28. gewählt

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

Herangezogene Quellen

  • 2 weitere Quellen waren beim Schreiben nicht abrufbar

2 Quellen · 3 davon belegt · 2 externe Belege · 5 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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