Vierundzwanzig Prozentpunkte in sechs Wochen — wie Raman die Latinos gewann
Eine UC-Berkeley-Umfrage sieht die Herausfordererin unter hispanischen Wählern weit vorn. Die Primärzahlen erzählen eine andere Geschichte.
Es gibt Zahlen, die ein Versprechen sind, und Zahlen, die ein Widerspruch. Die Zahl, die in dieser Woche durch die Redaktionen von Los Angeles geistert, gehört zur zweiten Sorte: Nithya Raman, 45 Prozent. Karen Bass, 21 Prozent. Achtzehntausend befragte Latino-Wähler, durchgeführt vom UC Berkeley Institute of Governmental Studies gemeinsam mit der Los Angeles Times zwischen dem 15. und 20. September, veröffentlicht am 2. Oktober, wenige Tage vor dem Univision-Forum am Donnerstagabend, an dem beide Kandidatinnen erstmals direkt konfrontiert werden. Vierundzwanzig Punkte Differenz in einer Wählergruppe, die etwa dreißig Prozent der erwarteten Stimmen in dieser Stadt stellen wird.
Man darf die Zahl benennen, ohne sie zu akzeptieren. Denn wer am 2. Juni in der Vorwahl gezählt hat, wer die Stimmzettel sortierte und die Prozente addierte, der erinnert sich an ein anderes Bild: Raman, 28,5 Prozent. Bass, 34,3 Prozent. Verzerrt, gewiss, durch die Kandidatur des Trump-nahen Reality-Stars Spencer Pratt, der das Feld aufmischte und dennoch am Ende ausschied. Aber doch eine empirische Größe, gestützt auf Urnen, nicht auf Telefonleitungen. Zwischen jenem 2. Juni und dem Stichtag der Berkeley-Befragung liegen keine drei Monate. Zwischen 28,5 und 45 Prozent liegen sechzehn Komma fünf Punkte, die irgendwo hergekommen sein müssen.
Dreiunddreißig Prozent der befragten Latinos antworteten mit „unentschlossen". Das ist der Hebel, an dem jede seriöse Analyse ansetzen müsste. Denn unentschlossene Wähler sind keine Konstanten, sie sind ein Kredit, den die Umfrageinstitute an die Kandidatinnen vergeben, und die Verteilung dieses Kredits entscheidet, ob aus einem 28,5-Prozent-Ergebnis plötzlich eine 45-Prozent-Führung wird oder ein ausgeglichenes Rennen. Wer in welcher Reihenfolge gefragt wird, welche Informationen den Befragten vorab eingespielt werden, wie das Wort „likely voter" operationalisiert wird, all das sind methodische Entscheidungen, die das Ergebnis formen, bevor es überhaupt den Bildschirm des Auftraggebers erreicht.
Dass Bass' Lager auf die Berkeley-Zahlen mit einer eigenen Erhebung antwortete, war vorhersehbar. Die Firma BSP Research, beauftragt vom unabhängigen Ausgabenkomitee Unidos Con Karen Bass, legte am Freitag eine zweite Umfrage vor: Bass 40 Prozent, Raman 28 Prozent unter Latinos, Befragungszeitraum 1. bis 8. Oktober, 602 Befragte. Eine Umkehrung der Vorzeichen, zwölf Punkte Differenz, diesmal zugunsten der Amtsinhaberin. Die Spanne zwischen den beiden Erhebungen beträgt zusammengenommen sechsunddreißig Prozentpunkte in derselben Wählergruppe innerhalb von zwei Wochen. Das ist, vorsichtig formuliert, ein Vertrauensproblem der Umfragebranche, nicht der Kandidatinnen.
Interessanter ist die Schnittmenge der beiden Erhebungen, über die in den Schlagzeilen kaum gesprochen wird. Beide Institute finden, dass Bass bei älteren hispanischen Wählern, vor allem bei spanischsprachigen, dominiert. BSP beziffert diesen Vorsprung auf zweiunddreißig Punkte. Berkeley sieht eine ähnliche, wenn auch schwächer ausgeprägte Tendenz. Beide Institute sehen die unter Vierzigjährigen als umkämpftes Feld. Bei den Latinos unter vierzig Jahren, so BSP, halten sich Bass und Raman die Waage, fünfunddreißig zu fünfunddreißig. Ramans vermeintlicher Triumph unter Latinos, sofern die Berkeley-Zahlen mehr sind als ein methodisches Artefakt, ist also keine breite Wählerbewegung, sondern ein konzentriertes Phänomen in einem schmalen demografischen Korridor.
Und genau dort, in diesem Korridor, entscheidet sich am Donnerstagabend, was aus den Zahlen wird. Das Univision-Forum, sieben Uhr abends, spanischsprachiges Publikum, hispanische Wählerinnen und Wähler, die bisher „unentschlossen" auf den Fragebögen angekreuzt haben, werden zuhören, wie zwei Frauen ihre Version der Stadt verkaufen. Bass wird die Frage nach der Verantwortung stellen, nach dem gelöschten Video mit den Worten „Only you can stop fascist liars", nach Ramans Urteilsfähigkeit. Raman wird über Mieten sprechen, über die LAPD, über die Razzien, über den Polizeichef, dessen Ablösung sie angekündigt hat. Was beide nicht werden kontrollieren können, ist die Zahl, die im Raum steht, bevor eine einzige Frage gestellt wird: 45 zu 21.
Es ist die Zahl eines Sieges, der noch nicht stattgefunden hat. Eine Umfrage, durchgeführt in einer Phase, in der das Rennen gerade erst neu sortiert wurde, veröffentlicht in genau dem Fenster, in dem sie politisch das größte Gewicht entfaltet, gemessen in einer Gruppe, die erfahrungsgemäß spät entscheidet. Die Redaktion, die diese Zahlen druckt, schuldet ihren Leserinnen und Lesern mehr als die nackte Prozentangabe. Sie schuldet die Frage, wie aus 28,5 Prozent an der Urne 45 Prozent am Telefon werden konnten — und warum die Antwort darauf niemanden zu interessieren scheint, solange sie nur die richtige Kandidatin nach vorn schiebt.
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