Generalprobe: Europas Unternehmen vor der KI-Abrechnung
Eine Generalprobe ist die letzte Vorstellung vor der Premiere. Jede Bewegung sitzt. Jeder Einsatz kommt. Die Schauspieler tragen Kostüm, die Beleuchtung steht. Es ist die perfekte Vorführung dessen, was schiefgehen kann — nur ohne Publikum. Und genau so, schreibt die Wirtschaftsstratege Merve Erşavaş, sieht die aktuelle Lage rund um künstliche Intelligenz aus. Überall auf dem Kontinent proben europäische Unternehmen den Auftritt, der die Welt verändern soll. Nur: Es ist eine Probe. Und das Stück ist noch nicht fertiggeschrieben.
Die Rede ist von einer KI-Abrechnung, einer „AI reckoning". Wer den Begriff in den letzten Monaten aufgeschnappt hat, weiß: Die Branche, die sich selbst am lautesten als Zukunft verkauft, beginnt leise, nervös zu werden. Die Summen, die in KI-Projekte fließen, sind in Sphären gestiegen, die jeder klassische Industrie-Investor früher als Blase bezeichnet hätte. Und was eine platzende Blase anrichtet, hat die Finanzgeschichte mehrfach gezeigt. Die Frage ist nicht, ob eine solche Abrechnung kommt. Sie ist bereits im Gange. Die Frage ist, was sie mit den Unternehmen anrichtet, die sich einbilden, mit dem Kauf einer Lizenz eine Strategie erworben zu haben.
Erşavaş formuliert es so: „AI doesn't replace strategy. It doesn't fix broken workflows. And it definitely doesn't compensate for unclear leadership." Übersetzt in die Sprache derer, die morgens um sechs die Werkstatt aufschließen: Künstliche Intelligenz ersetzt keine Strategie. Sie repariert keine kaputten Arbeitsabläufe. Und sie kompensiert schon gar nicht eine unklare Führung. Das ist die Wahrheit, die in keiner Pressemitteilung steht, in keiner Konferenz-Keynote fällt und in keinem Quartalsbericht auftaucht. Aber es ist die Wahrheit, an der die kommende Abrechnung gemessen wird.
Denn was sehen wir tatsächlich in den europäischen Unternehmen? Vorstandsetagen, die sich beeilen, einen „Chief AI Officer" zu ernennen, bevor der Wettbewerb es tut. Beratungsfirmen, die mit dem Versprechen durch die Lande ziehen, jedes mittelständische Unternehmen in sechs Monaten zum KI-Pionier zu machen. Und am Ende: ein Chatbot, der Kundenanfragen beantwortet, die vorher niemand beantwortet hat, weil der Prozess dahinter genauso dysfunktional war wie zuvor. Die Software wurde gekauft. Die Diagnose wurde nicht gestellt.
Die Diskrepanz ist messbar, auch wenn sie in den Bilanzen selten so benannt wird. Die Investitionen in KI steigen — und mit ihnen die Erwartungen der Aktionäre, der Aufsichtsräte, der Kunden. Aber die Produktivitätszuwächse, die all das rechtfertigen sollen, bleiben vage. Eine Software, die in einen chaotischen Workflow gesteckt wird, automatisiert das Chaos. Sie beschleunigt es. Das ist kein Fortschritt. Das ist die digitale Version des Sumpfes, den man mit einer teureren Pumpe trockenlegen will.
Und hier kommt die Generalprobe ins Spiel, die dieser Tage stattfindet. Sie zeigt, was passiert, wenn die Erwartungshaltung auf die Realität prallt. Wenn Investoren nicht mehr fragen, was ein Unternehmen mit KI macht, sondern was KI dem Unternehmen bringt. Wenn der Markt anfängt, zwischen jenen zu unterscheiden, die eine echte Transformation betreiben, und jenen, die sich nur ein KI-Etikett auf die Eingangstür kleben. Die Generalprobe ist die Vorführung des kommenden Platzens. Sie zeigt, mit welchen Verwerfungen zu rechnen ist, wenn die Musik aufhört und die Stühle verstummen.
Es gibt ein Bild aus der Populärkultur, das diese Situation treffend einfängt. Tom Cruise, der Unzerstörbare, rettet seit Jahrzehnten die Welt auf der Leinwand. In seinem neuesten Film, „Mission: Impossible — The Final Reckoning", besiegt er einen KI-Gegenspieler. Cruise steht für jene Figur, die wir uns in den Vorstandsetagen wünschen: unverwüstlich, charismatisch, imstande, das Unmögliche zu schaffen. Nur: Cruise ist Fiktion. Die Vorstände, die sich der KI verschreiben, sind es nicht. Und sie haben weder das Drehbuch noch die Versicherung des Studios, dass am Ende alles gut ausgeht.
Was also kommt nach dem reinen Ausgeben von Kapital für KI? Das ist die offene Frage, die in keiner Aufsichtsratssitzung gestellt wird, weil sie die Investitionen der vergangenen zwei Jahre in Frage stellen würde. Die ehrliche Antwort erfordert eine Demut, die in der Tech-Industrie selten zu finden ist. Sie verlangt, die Workflows zu reparieren, bevor man sie automatisiert. Sie verlangt, Führung zu klären, bevor man Tools einführt. Sie verlangt, zuzugeben, dass das Problem nicht die Technologie ist, sondern das, was die Technologie umgibt.
Erşavaş schlägt einen anderen Weg vor: „Maybe the next phase isn't about spending more on AI. Maybe it's about slowing down, getting intentional, and putting people back at the center of the conversation." Vielleicht ist die nächste Phase nicht eine Frage des Geldes. Vielleicht ist sie eine Frage der Verlangsamung, der Absicht, und der Rückbesinnung auf jene, die am Ende die Arbeit machen. Es klingt ketzerisch in einer Branche, die Beschleunigung als Tugend verkauft. Aber es ist der einzige Weg, der eine echte Transformation verspricht — und nicht nur eine weitere Generalprobe vor dem nächsten, dem endgültigen Crash.
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