Sprit teuer, Gas knapp: Wie der Energiepreis E-Autos und Kohle befeuert
Die Zapfsäule als natürlicher Feind des Verbrenners. So hat man es sich immer erzählt, wenn die Ölmultis die Preise hochzogen. Jetzt passiert es tatsächlich. Aber der Preis, den die Volkswirtschaften zahlen, sieht anders aus, als man sich das auf den Klimademos vorgestellt hat. Diesel stirbt in Europa, schreibt das Fachblatt OilPrice.com in seiner aktuellen Marktanalyse — und gleichzeitig, im selben Atemzug, fängt irgendwo im Ruhrgebiet und in Oberschlesien ein altes Kraftwerk wieder an zu schnauben. Das ist kein Zufall. Das ist die gleiche Rechnung.
Wer im September 2026 tankt, zahlt. Diesel liegt im EU-Schnitt bei 2,237 Euro pro Liter, Benzin bei 2,104. Spitzenreiter Dänemark: 2,658 Euro. Eine Tankfüllung, die vor wenigen Jahren noch ein Wocheneinkauf war, wird heute zur Monatsmiete. Da wundert es niemanden, dass der E-Anteil an den Neuzulassungen weltweit über ein Viertel beträgt. Schwellenländer springen über die Legacy-Industrie hinweg wie ein Frosch über einen Stein — Europa, China, jetzt der Rest. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere liegt unter der Erde.
Denn das Elektroauto fährt nicht nur mit Strompreis. Es fährt mit allem, was Strom macht. Und genau hier kippt die Geschichte. Die globale LNG-Versorgung steckt fest. Die Straße von Hormuz gibt kaum etwas frei. Die Gaspreise sind auf dem höchsten Stand seit der Krise 2022/23. In Deutschland und Polen, den letzten Hochburgen europäischer Kohlekapazität, wird Braunkohle wieder profitabel.
Die Zahl des Monats kommt von Sabrina Kernbichler, Analystin bei Energy Aspects. Die Spread-Kennzahl für deutsche Braunkohle ist in diesem September auf bis zu 72 Dollar pro Megawattstunde gesprungen — umgerechnet 64 Euro. Im September des Vorjahres lag sie bei null. Null. Wer diesen Anstieg in einem Satz erklären will: Es lohnt sich wieder, Dreck zu verbrennen.
Kernbichler erwartet, dass die Spreads bis März hoch bleiben. Das ist keine Wettervorhersage, das ist eine ökonomische Aussage über den kommenden Winter. Solange Gas teuer bleibt, bleibt Kohle im Spiel. Die Logik ist so simpel wie brutal: Wer den günstigsten Thermostaten will, baut den dreckigsten Kessel an.
Die Internationale Energieagentur hat das in ihrem Coal Mid-Year Update zu Beginn des Monats bestätigt. Die strukturelle Nachfrage nach Kohle in Europa sinkt — 292 Millionen Tonnen im Vorjahr, 276 Millionen in diesem Jahr. Das klingt nach Erfolg. Ist es aber nicht. Die IEA schreibt selbst, dass der Rückgang geringer ausfällt als zuvor erwartet. Grund: höhere Gaspreise in Ländern wie Deutschland und Polen, wo Gaskapazität und verfügbare Kohlereserven nebeneinanderstehen. Übersetzt für Leute, die keine IEA-Mitteilungen lesen: Die grüne Wende pausiert, weil das Gas zu teuer ist. Und wenn ein kalter Winter dazukommt, schreibt die Agentur weiter, könnte der Kohleeinsatz noch über die Erwartungen steigen — insbesondere nach den Schocks, die der Iran-Krieg durch die Öl- und Gasmärkte gejagt hat.
Man darf das in zwei Sätze pressen: Diesel verschwindet schneller als geplant. Kohle verschwindet langsamer als geplant. Beides hat dieselbe Ursache. Beides hat denselben Treiber: einen Energiepreis, der nichts mehr glatt bügelt.
Was bleibt, ist ein Markt, der zwei Bewegungen gleichzeitig macht. Er beschleunigt die eine Transformation, indem er sie teuer macht. Er bremst die andere, indem er sie billiger macht, als sie sein sollte. Wer das verstehen will, muss keine Klimakonferenz besuchen. Es reicht, im September eine Tankstelle zu betreten und im November einen Schornstein zu betrachten, aus dem wieder Rauch kommt.
Das ist die Rechnung, die niemand aufstellen wollte. Sabrina Kernbichler hat sie aufgestellt. 72 Dollar pro Megawattstunde. Der Rest ist Auslegung.
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