Wenn die Kette reißt: Tote in Abschiebehaft, ein Messer auf der 7
Es gibt Sätze, die schreibt man besser nicht. Oder man schreibt sie so, dass ihr Gewicht auf dem Papier bleibt und nicht in der Luft verpufft. „Dying in Detention" lautet der Titel einer aktuellen Untersuchung des Investigativformats Fault Lines von Al Jazeera, und wer den Plural vermeidet, wer das langsame Sterben in Gewahrsam nicht beim Namen nennt, der hat bereits die erste Entscheidung getroffen — die Entscheidung, wegzuschauen.
Fault Lines untersucht die steigende Zahl der Todesfälle in US-amerikanischen Abschiebehaftzentren nach den verschärften Maßnahmen von Präsident Trump. Es ist eine Untersuchung, die nicht bei null beginnt, sondern eine, die weiterführt, was Menschenrechtsorganisationen, Anwältinnen und Angehörige seit Monaten dokumentieren: dass die Kette, die einen Menschen in Gewahrsam hält, nicht nur eine juristische ist, sondern eine, die am Hals sitzt. Wer in Abschiebehaft stirbt, stirbt nicht im Verborgenen — er stirbt in einem System, das ihn sehen müsste und ihn doch aus dem Blick verliert. Es stirbt jemand, dessen Akte irgendwo in einem Aktenschrank liegt, zwischen Anhörungen und Abschiebebescheiden, zwischen Formularen, die niemand mehr ausfüllen wird, und zwischen Protokollen, die niemand mehr unterzeichnen wird.
Während in diesen Haftzentren Menschen sterben, deren Namen keine Schlagzeile werden, geschieht in Seattle etwas anderes, und doch strukturell Verwandtes. Ein Mann, der einen Bus der Route 7 mit einer Machete angegriffen haben soll, nachdem der Fahrer ihm die Tür verweigert hatte, ist nun aus dem Hausarrest entwichen. Es war ein Akt der Verwüstung, ein „act of vandalism", wie es in den Dokumenten heißt, der sich Wochen, nachdem Bürgermeisterin Katie Wilson einen neuen Ansatz für die seit langem problematische 12th-and-Jackson-Korridor ankündigte, in das Gedächtnis der Stadt eingrub — eine Geste gegen einen Bus, gegen eine Linie, gegen ein Stück öffentlichen Raums, das niemand mehr für selbstverständlich hält.
„Dangerous to the community", steht in den Unterlagen, die jetzt an die Öffentlichkeit gelangten. Wer das schreibt, hat das Kleingedruckte gelesen. Wer es liest, versteht, was Hausarrest bedeutet, wenn er bricht: nicht das Versagen eines einzelnen, sondern das Versagen jener, die das Maßnahmen angeordnet, überwacht und für ausreichend befunden haben. Es ist die Handschrift eines Staates, der sich nicht entscheiden kann, ob er strafen oder schützen will, und der deshalb weder das eine noch das andere zuverlässig tut. Die Handschuhe, die man beim Lesen solcher Sätze trägt, sind kein Schutz. Sie sind nur ein Zeichen, dass man weiß, womit man es zu tun hat.
Beide Geschichten — die Toten in der Haft und der Bewaffnete auf der Straße — sind Geschichten über dasselbe Versagen. In beiden Fällen hat der Staat die Kette in der Hand gehalten, die einen Menschen entweder einschließt oder, im milderen Fall, an ein bestimmtes Maß bindet. In beiden Fällen ist die Kette gerissen. In den Haftzentren reißt sie langsam, dokumentiert in investigativen Berichten, in Statistiken, in den Akten jener Anwälte, die Angehörige vertreten, in den Wänden jener Räume, in denen niemand mehr auf die Uhr schaut. In Seattle reißt sie hörbar, mit dem Klirren einer Machete gegen die Scheibe eines Busses, der seine Route nicht verlassen durfte.
Es ist die stillschweigende Ironie der Macht, dass sie ihre eigenen Mechanismen nicht mehr erkennt. Die Abschiebehaft ist keine Antwort auf eine Frage, die je gestellt wurde; sie ist eine Antwort auf eine Frage, die nie gestellt werden durfte. Der Hausarrest ist keine Geste der Milde, sondern eine Rechenoperation — und Rechenoperationen, so weiß man, sind nur so zuverlässig wie das Kleingedruckte, in dem sie stehen.
Man darf diese beiden Geschichten nebeneinander legen. Man muss es sogar, denn die Frage stellt sich von selbst, mit der Kälte einer Diagnose, die keine Überraschung mehr ist: Was sagt es über ein System, das beansprucht, Menschen zu schützen, wenn es die einen nicht am Leben halten kann und die anderen nicht an der Waffe?
Fault Lines dokumentiert. Die Redaktion der Terminal Tribune wird weiter zitieren — Verträge, Protokolle, das, was Männer sagten, bevor es schlimm wurde. Denn am Ende sind es immer die kleinen Sätze, die alles entscheiden, und die Handschuhe, die man beim Schreiben trägt, sind kein Schutz vor der Kälte, sondern nur das Eingeständnis, dass man längst weiß, wie diese Geschichte ausgeht.
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