Vom Heilsbringer zum Bösewicht: Hollywood richtet die Kalifornier
In der Luftfahrt gibt es eine Regel, die kein Pilot gerne ausspricht: Wer gestern noch den Kurs bestimmte, kann heute schon Bruchlandung sein. Was die Traumfabrik aus dem Westen der Vereinigten Staaten gerade mit den einstigen Helden des Silicon Valley veranstaltet, folgt demselben Gesetz. Die Männer, die ein Jahrzehnt lang als Visionäre galten, werden zu Ganoven umgeschrieben. Vier Filme, alle mit Schlüsselterminen im Oktober, eine Industrie nimmt eine andere auseinander.
Was hier wie ein künstlerischer Laune aussieht, hat Methode. Elon Musk gründete SpaceX im Jahr 2002, wurde dort Chefingenieur und Vorstandschef. Zwei Jahre später, 2004, stieg er als früher Investor bei Tesla ein, 2008 übernahm er dort die Führung als Vorstandschef und Produktarchitekt. Aus dem Mann, der Raketen und E-Autos versprach, wurde das Gesicht einer neuen Macht. Nun steht dieses Gesicht vor Gericht, jedenfalls auf der Leinwand.
Yuval Noah Harari, dessen Wort Gewicht hat, brachte es auf eine Formel, die in Hollywood offene Türen einrennt. Die Chefs des Silicon Valley, sagt er, treffen die wichtigsten Entscheidungen in der Geschichte der Welt. Eine Aussage, die Bewunderung und Beklommenheit zugleich erzeugt. Wer so viel vermag, muss auch so viel verantworten. Die Kamera liebt diese Gleichung.
Die Zwei Pulp-Filme, die im Oktober starten, bedienen eine Erzählung, die längst in der Luft liegt. Es geht um Rechenschaft, um Gier, um die Frage, was passiert, wenn Gründer zu Königen werden. Hollywood hat einen neuen Lieblingsschurken gefunden, und die Ironie ist mit Händen greifbar. Dieselben Köpfe, die als Erlöser gefeiert wurden, werden jetzt als Bedrohung inszeniert. Vom Heilsbringer zum Bösewicht ist in der Traumfabrik nur ein Drehbuch entfernt. Der wichtigste Anschluss für den Leser lautet jedoch, dass die im Umlauf befindlichen Behauptungen über Handlung, Tonfall und politische Ausrichtung dieser Produktionen bislang nur durch zwei Quellen belegt sind. Eine akribische Verifizierung der Originalquellen ist unerlässlich, bevor sich Halbgares als gesicherte Wahrheit verkauft.
Dass die Filme ausgerechnet im Oktober ihre Schlüsseltermine haben, ist kein Zufall. Es ist ein Pile-up, wie es die Luftfahrt kennt, wenn schlechtze Wettersysteme zusammenstoßen. Eine Industrie kniet sich hin, die andere liegt schon am Boden. Vier Filme, vier Anklagen, ein Monat. Die thematische Aufladung ist so dicht, dass sie kaum mehr Verteilung, sondern Programm ist.
Was Hollywood hier betreibt, ist weniger Kritik als Katharsis. Die Zuschauer sollen das Gefühl bekommen, dass die Macht, die sie im wirklichen Leben nicht kontrollieren können, auf der Leinwand wenigstens zur Rechenschaft gezogen wird. Die neuen Schurken tragen Hoodies statt Monokel, sie sitzen stattten in Chefetagen statt in Schlossgemächern. Die Ikonographie hat sich gewandelt, die Mechanik nicht.
Doch hier ist Vorsicht geboten, gerade für einen Berichter, der gelernt hat, dass die zweite Quelle selten überflüssig ist. Die Erzählung, dass die Gründer der Tech-Vorstöße als Bad Billionaires auf die Leinwand kommen, basiert auf Agenturmeldungen und Branchenberichten. Was an konkreten Filmschüssen, Szenenauswahl und politischer Stoßrichtung bislang durchsickerte, ist dünn. Ein Reporter, der seinen Namen über schrafft, prüft das Originalmaterial. Halbe Sachen sind in diesem Gewerbe der Anfang vom Ende.
Was bleibt, ist ein Bild. Die Männer, die einst den Aufbruch versprachen, werden zur Projektionsfläche für die Angst vor der Macht, die sie selbst geschaffen haben. Hollywood hat diese Angst nicht erfunden. Es hat sie nur in ein Drehbuch gegossen. Die Frage ist, ob das Drehbuch hält das je ins Kino kommt.
Kapitän Otto Renz, Terminal Tribune
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