Das Schweigen der Straße ist lauter als jeder Aufruf
Frankreich brennt wieder, sagt man, und meint es nicht metaphorisch. Oder vielleicht doch. Cécile Calla, Journalistin, hat in einem Interview mit dem Sender Welt TV die jüngsten Proteste vor allem von Schülern und Studenten als Ausdruck einer Ohnmacht gedeutet, die tiefer reicht als die brennenden Barrikaden, die tiefer reicht als die Tränengasschwaden, die tiefer reicht als die Gewissheit, dass morgen wieder demonstriert werden wird. „Diese Wut ist nicht neu", sagte sie. Die Wut ist nicht neu. Das ist die erste Hälfte einer Diagnose, deren zweite Hälfte fehlt.
Denn Calla liefert, was Fernsehformate liefern: einen Satz, der klingt, als wäre er eine Erklärung. Ohnmacht. Ein Wort, das in Talkshows funktioniert, weil es so schwer wiegt und so wenig greift. Wer ohnmächtig ist, kann nichts tun. Wer aber brennende Mülleimer durch die Boulevards rollt, wer Streikposten besetzt, wer vor Polizeiketten steht und nicht nach Hause geht, der ist nicht ohnmächtig — der ist das Gegenteil. Hier beginnt die erste Naht, an der Callas Argument sich öffnet wie ein zu schnell genähter Saum. Sie erklärt die Bewegung mit dem Zustand, den die Bewegung selbst verweigert.
Die Ursachen der Proteste, so Calla, liegen in ungelösten sozialen Problemen. Auch das klingt nach Einsicht, meint aber vor allem: Hier beginnt das Schweigen der Analyse. Denn was sind diese ungelösten Probleme? Es sind die Narben, die Frankreich seit Jahrzehnten mit sich trägt und nicht heilt. Die Vororte, deren Postleitzahlen wie Brandmale wirken. Die Schulen, die mehr Container als Klassenzimmer sind. Die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen, die offiziell sinkt und in den Köpfen steigt. Die Polizeigewalt, die dokumentiert und wieder vergessen wird. Die Frage, wer in der Republik wohnen darf und wer nur geduldet ist. Die Kluft zwischen dem savoir-vivre auf den Titelseiten und der Erschöpfung in den Außenbezirken.
Dass ausgerechnet Schüler und Studenten die Straßen füllen, ist kein Zufall und kein neues Phänomen. Es ist die Fortschreibung einer Linie, die vom Mai 68 über die Bewegungen gegen die loi travail bis in die Gegenwart reicht. Junge Menschen haben in Frankreich eine lange Übung darin, das Wort „unmöglich" gegen diejenigen zu richten, die es aussprechen. Sie haben auch eine lange Übung darin, danach festzustellen, dass sich nichts geändert hat — und trotzdem wieder zu gehen.
Hier nun schiebt sich ein zweiter Faden in das Bild, der auf den ersten Blick nicht dorthin gehört, aber genau dorthin gehört: die Frage der Digitalisierung. Bianca Kastl hat auf netzpolitik.org in einem Essay über „Degitalisierung" beschrieben, wie der Zustand vermeintlicher Allmacht allzu schnell in Ohnmacht kippe. Sie meint damit zunächst die Hybris derer, die sich an digitale Systeme und Agenten ausliefern — Nachrichtendienste etwa, deren Befugnisse wachsen, während ihr eigenes Handeln für niemanden mehr überschaubar ist. Doch der Mechanismus, den sie beschreibt, ist nicht auf Bildschirme beschränkt. Er beschreibt auch das Verhältnis zwischen denen, die protestieren, und denen, die zuschauen.
In Frankreich zeigt sich dieser Mechanismus mit beinahe mathematischer Präzision. Wer heute eine Demonstration erlebt, erlebt sie gleichzeitig als reales Ereignis und als Datenpunkt. Jeder Block, der durch ein Viertel zieht, wird gefilmt, gezählt, getaggt. Jede Festnahme wird zur Statistik. Jede Gewalt wird zum Clip, der sich um die Welt dreht, bevor noch der Tränengasnebel sich gelegt hat. In dem Moment, in dem die Straße sich bewegt, ist sie schon in eine Erzählung übersetzt, die niemand mehr kontrolliert. Die Protestierenden werden sichtbar, aber sie werden auch unsichtbar — als Akteure hinter ihrer eigenen Darstellung. Das ist die Form von Ohnmacht, die Calla vermutlich meint, ohne sie so zu nennen.
Es ist eine Ohnmacht zweiter Ordnung: nicht die Ohnmacht, nichts tun zu können, sondern die Ohnmacht, im eigenen Namen zu handeln und im fremden Namen gehört zu werden. Die Republik antwortet mit Kommuniqués. Die Medien antworten mit Schlagzeilen. Die Behörden antworten mit Statistiken. Die Straße antwortet mit weiteren Demonstrationen, bis die Sprache der Straße sich erschöpft hat und die Sprache der anderen beginnt — jene Sprache, die aus jeder Bewegung eine „Welle" macht, aus jeder Welle ein „Phänomen", aus jedem Phänomen ein „Problem", das man verwalten kann, solange man es nur nicht versteht.
Callas Diagnose ist also nicht falsch, aber sie ist unvollständig. Sie benennt das Symptom und verwechselt es mit der Ursache. Die Ohnmacht, von der sie spricht, ist nicht der Grund der Proteste — sie ist deren Übersetzung in eine Sprache, die das System hören kann, ohne es zu verändern. Und solange diese Übersetzung funktioniert, kann das System weiterhin so tun, als wäre es aufmerksam. Es kann Sonntagsreden halten. Es kann Kommissionen einsetzen. Es kann die Verhandlung mit denen suchen, die laut genug sind, um verhandlungsfähig zu erscheinen. Die anderen bleiben unsichtbar.
Das ist die zweite Naht, diesmal im Verhältnis zwischen Staat und Straße. Auf der einen Seite die Gewalt der Bilder, die Gewalt der Polizei, die Gewalt der Armut. Auf der anderen Seite die sanfte Gewalt der Worte, die alles benennen und nichts verändern. Frankreich hat das oft genug geübt. Nach jeder größeren Protestwelle kam der Moment der Reflexion, der Berichte, der Versprechen. Die Anschlüsse blieben offen, die Linien wurden nicht weitergeführt, die Wut ging nach Hause, wo sie nicht verschwand, sondern wartete.
Was also bleibt von Callas Satz, wenn man ihn auseinanderfaltet? Ein journalistisches Eingeständnis, dass die Lage ernst ist — und ein analytisches Versäumnis, weil die Lage damit noch nicht ernst genug beschrieben ist. Die Proteste in Frankreich sind nicht Ausdruck einer Ohnmacht. Sie sind Ausdruck des Versuchs, aus einer erlernten Ohnmacht herauszutreten, indem man das tut, wovor alle Machtinstinkte warnen: sich zeigen, laut werden, aushalten. Sie sind Ausdruck einer Wut, die Calla zu Recht als nicht neu erkennt, die sie aber in den falschen Topf wirft — nicht in den Topf der Ohnmacht, sondern in den der unerledigten Geschichte.
Dass diese unerledigte Geschichte gerade jetzt wieder aufbricht, hat weniger mit einem Funken als mit einer Summe zu tun. Mit einer Rentenreform, die viele als Entzug empfinden. Mit einer Polizei, die viele als Bedrohung empfinden. Mit einer Politik, die viele als Sprache empfinden, die nichts mehr meint. Mit einer Digitalisierung, die jede Geste verdoppelt und jede Konsequenz halbiert. Mit einer Demokratie, die gewählt wird und dann so handelt, als hätte sie keine Wähler mehr.
Cécile Calla hat in wenigen Sekunden mehr gesehen als viele in mehreren Jahren. Sie hat gesehen, dass die Wut nicht neu ist. Sie hat nicht gesehen, oder nicht gesagt, dass die Wut auch nicht verschwindet, wenn man sie benennt. Sie verschwindet nur, wenn die ungelösten Probleme gelöst werden. Und daran, in Frankreich wie anderswo, arbeitet seit Jahrzehnten niemand mehr mit dem Ernst, den die Sache verlangt.
Die Demonstranten gehen nach Hause, wenn sie müde sind. Die Republik geht schlafen, wenn es still wird. Beide wachen auf, wenn die nächste Welle kommt. So sieht ein Kreislauf aus, der keine Lösung ist. So sieht eine Ohnmacht aus, die sich alle nicht eingestehen.
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