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Terminal Tribune

19. Oktober 2026

Dossier · Politik & Macht

Gehaltene Stellungen, sanktionierte Stimmen

19. Oktober 2026 — Kastner

Tschandrija ist ein Ort, der auf den meisten Karten kaum mehr als ein Punkt ist, und gerade deshalb lohnt es sich, ihn zu betrachten. WELT-Reporter Steffen Schwarzkopf, dessen Berichte aus dieser Region gegenwärtig eine der wenigen verbliebenen unmittelbaren Quellen aus diesem Frontabschnitt darstellen und deshalb mit besonderer Sorgfalt verifiziert werden müssen, beschreibt Stellungen, die gehalten werden – nicht glorreich, nicht triumphierend, sondern mit der Hartnäckigkeit von Männern und Frauen, die wissen, was ein Fall bedeuten würde. Diese gehaltenen Linien blockieren vorerst den russischen Zugriff auf Sloviansk und Kramatorsk, zwei Städte, deren Namen in der Moskauer Erzählung längst in russischer Hand sein müssten. Im Rahmen der „Operation Vivaldi" hat die ukrainische Armee nach diesen Angaben 270 Quadratkilometer in Donezk zurückerobert – eine Zahl, die in der offiziellen russischen Darstellung nicht vorkommt, weil sie nicht vorkommen darf. Was Schwarzkopf vor Ort beschreibt, ist nach eigenem Befunden das „komplette Gegenteil" dessen, was Russland behauptet. Die Diskrepanz ist keine Grauzone, sie ist ein Abgrund.

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Dass dieser doppelte Krieg – einer mit Granaten, einer mit Kameras – nach derselben Logik geführt wird, zeigen Recherchen von CORRECTIV. Danach arbeiteten die Russen Vitaly Chashchukhin und Igor Dolmatov jahrelang offiziell als Korrespondenten in Berlin, angestellt beim Verlagshaus Iswestija, dessen Eigentümer seit Jahren sanktioniert ist. Die Tarnung war dünn, wenn man wusste, wo man hinsehen musste, und unsichtbar für alle, die nicht hinsehen wollten. Im September 2026 wurden die beiden Männer bei einem Dreh für den russischen Kriegskanal Rybar in Prag aufgefolgen – aufgefolgen von Journalisten des tschechischen Portals Seznam Zprávy, nicht von den Behörden, deren Aufgabe es wäre.

Rybar, ein Telegram-Kanal mit mehr als 1,5 Millionen Abonnenten, verbreitet russische Narrative über den Krieg gegen die Ukraine. Sein Gründer Mikhail Zvinchuk wurde im Juni 2023 wegen Kriegspropaganda durch die EU sanktioniert. Die sicherheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Gollaleh Ahmadi, sagte CORRECTIV: „Dass solche Strukturen offenbar von Berlin aus arbeiten, müssen wir ernst nehmen. Gerade weil Russland längst nicht nur mit klassischen Spionageaktivitäten arbeitet, sondern auch mit Desinformation und Einflussnahme." Sie fordert eine „konsequente Prüfung" durch die zuständigen Behörden und ergänzt: „Vor allem muss geklärt werden, welche konkrete Tätigkeit die beiden für Rybar ausgeübt haben, wer dahintersteht und ob gegen Sanktionen verstoßen wurde." Höflich ist die Formulierung, die Forderung ist es nicht.

Der auf Sanktionsrecht spezialisierte Anwalt Viktor Winkler geht weiter: Da Zvinchuk auch Gesellschafter der Firma sei, die den Kanal betreibe, müsse die Firma an sich als sanktioniert betrachtet werden. „Wenn die beiden Männer Beiträge vorbereiten und drehen für die Firma, und diese als sanktioniert zu behandeln ist, dann ist das ein klarer Sanktionsverstoß." Mit Stand Anfang Oktober war nach Angaben der Berliner Staatsanwaltschaft kein Verfahren im Zusammenhang mit den beiden Männern anhängig. Kontaktanfragen von CORRECTIV hatten die beiden und ihre Umgebung abgelehnt. Die Tätigkeit für Iswestija wirft zusätzliche Fragen auf, die bislang ohne Antwort bleiben.

Was bleibt, ist das Muster: Hier eine Front, die gehalten wird, dort ein Kanal, der ungehindert sendet. Beide verdanken ihre Existenz der Diskrepanz zwischen dem, was ist, und dem, was erzählt wird. Wer die Erzählung kontrolliert, kontrolliert die Landkarte – auch wenn die Frontlinie eine andere ist. Die Sanktionsgrenzen sind nicht gezogen, sie sind verwaschen, und solange die eine Seite gehalten werden muss und die andere ungehindert publiziert, ist der Krieg nicht beendet; er hat nur die Form gewechselt.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 3 von 5 Behauptungen belegt
  1. ZITAT "Das, was wir hier heute sehen, ist das komplette Gegenteil dessen"

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  2. ZAHL Reporter Steffen Schwarzkopf berichtet aus dem Ort Tschandrija

    „WELT-Reporter Steffen Schwarzkopf berichtet aus dem Ort Tschandrija“ — wörtlich im Quelltext belegt

  3. ZAHL Die gehaltenen Stellungen blockieren den russischen Zugriff auf Städte wie Sloviansk und Kramatorsk

    „die den russischen Zugriff auf Städte wie Sloviansk und Kramatorsk vorerst blockieren.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  4. ZAHL Die Russen arbeiteten jahrelang als Korrespondenten in Berlin

    „dass der Reporter Vitaly Chashchukhin und der Kameramann Igor Dolmatov in Berlin seit Jahren offiziell für das russische Verlagshaus Iswestija tätig sind.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  5. ZAHL Der Eigentümer des Verlags ist seit Jahren sanktioniert

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

Herangezogene Quellen

  • 1 weitere Quelle war beim Schreiben nicht abrufbar

2 Quellen · 3 davon belegt · 1 externer Beleg · 5 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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