Studenten oder Vermummte? Brüssels widersprüchliche Sprache
Brüssel hat am 9. Oktober zwei Sprachen gesprochen, und keine davon war höflich. Die eine war die Sprache der Plakate. „I skipped class to defend class", „Education is a right, not a privilege" – Sätze, getragen von Studierenden, die nach eigenem Bekunden für eine zugängliche Hochschule und gegen die Sparpolitik der Regierung von Bart De Wever auf die Straße gingen. Die andere Sprache war die der Steine, der Brandsätze und der Pyrotechnik, die in der Nähe des Bahnhofs Bruxelles-Midi und an der Gare Centrale aufflammte. Die Ordnungskräfte antworteten mit Tränengas und Wasserwerfern, ein Hubschrauber kreiste über dem Stadtgebiet. Die Polizei sprach am Abend von mehr als hundert Festnahmen – rund dreißig richterlich, achtzig administrativ. Unter den Inhaftierten befanden sich Minderjährige; die Zahlen schwanken, eine Quelle spricht von neun Minderjährigen im Umfeld von Brüssel-Midi, eine andere von dreizehn, was die Recherche zur Quellenfrage macht, noch bevor sie zur Sache kommt.
Die Berichte darüber, wer an diesem Tag tatsächlich aufeinandertraf, könnten unterschiedlicher kaum sein. Während Boulevardblätter von „hunderten Vermummten" sprechen, die „total chaos" ausgelöst hätten, halten andere fest, es seien Studierende gewesen, „inspiriert" von Demonstrationen im benachbarten Frankreich und von einer Welle, die Anfang Oktober aus Lüttich nach Brüssel geschwappt war. Eine dritte Quelle wiederum redet von einem „kleinen Dutzend maskierter Demonstranten in Schwarz", die Steine und Gegenstände auf Polizisten warfen, während der eigentliche Marsch mit rund dreißigtausend Teilnehmern friedlich verlief. In diese Schere zwischen den Beschreibungen schiebt sich der belgische Innenminister mit einer Lesart, die für sich genommen bereits eine Nachricht ist: Die Gewalt gehe, so wird er zitiert, auf „Antifa"-Strukturen zurück.
Die Gewerkschaften, die den Ausstand ausgerufen hatten – die sozialistische FGTB/ABVV und die christliche CSC/ACV –, führen eine andere Rechnung. Sie wenden sich gegen die von Ministerpräsident De Wever angekündigten „schmerzhaften Sparmaßnahmen", mit denen eine drohende Schulden- und Zinsspirale abgewendet werden solle. Was sie befürchten, ist die Verschiebung der Last auf Arbeitnehmer, Rentner und einkommensschwache Haushalte, über die Lohnindexierung, die Mehrwertsteuer und schwindende Kaufkraft. Die Studierenden ergänzen das Bild: steigende Studiengebühren, überfüllte Hörsäle, Reformen, die das Hochschulsystem unzugänglicher machen könnten. Emilie L'Honneux, dreiundzwanzig, aus Lüttich, bringt es in einem Satz auf den Punkt, der in keiner Pressemappe steht: „Wir werden überhaupt nicht ernst genommen, und niemand scheint zu begreifen, dass es auch für uns schwer ist, für Arbeiter wie für Studierende. Wir kämpfen auch, und wir sind die Zukunft dieses Landes."
Was die Berichterstattung irritierend macht, ist weniger das Bild der rauchenden Bahnhöfe. Das ist nach den Unruhen in Frankreich, den Protesten italienischer Studierender und den Massenkundgebungen wegen der Wohnungskrise in Spanien beinahe schon europäisches Inventar. Was irritiert, ist die Eindeutigkeit, mit der dieselbe Straße in derselben Stunde einmal als „Chaos" und einmal als „Protest" codiert wird. Dass dieselben Akteure in einer Quelle als organisierte Schülerschaft, in einer anderen als anonyme „hooded thugs" und in einer dritten als schlichte „Demonstranten" firmieren, ist keine Stilfrage. Es ist eine Frage der Definitionsmacht. Wer die Sprache der Straße besetzt, besetzt auch die Titelblätter am nächsten Morgen.
In diese Gemengelage fällt eine weitere Zahl, die in den offiziellen Bilanzen leicht untergeht: Zehntausende, es ist von dreißigtausend die Rede, sind an diesem Freitag in Brüssel nicht nur für Bildung und gegen den Sparkurs auf die Straße gegangen, sondern auch mit einer Forderung, die in der politischen Debatte über Defizite und Schulden beinahe unsichtbar bleibt – dringende Klimaschutzmaßnahmen. Die Vereinigung dieser Anliegen, Haushalt, Hochschule, Klima, erklärt, warum die Mobilisierung trotz ihrer Spaltung in friedliche Marschierende und Steinewerfende eine Breite erreichte, die das politische Brüssel nicht übersehen kann.
Das Flugzeug, das am 9. Oktober nicht startet, der Bus, der nicht fährt, die Kindertagesstätte, die geschlossen bleibt – das alles ist Teil eines Streiks, der den Alltag der Hauptstadt traf und sich nahtlos einfügt in eine europäische Streiklandschaft, in der Paris, Rom und Madrid ihre eigenen Aktenzeichen mitliefern. Was in Brüssel bleibt, ist eine Boulevardpresse-Schlagzeile, die nichts erklärt, ein offizieller Bericht, der Verantwortung dorthin schiebt, wo sie politisch opportun erscheint, und dazwischen eine Stadt, die an einem Freitagabend zweimal Geschichte geschrieben hat. Welche davon die Polizei, die Gewerkschaften oder das Innenministerium in die Akten heften, wird man an den Akten selbst ablesen müssen.
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