Sicherheit auf Kredit: Europas Palantir-Dilemma
Ein milliardenschwerer amerikanischer Konzern schreibt der europäischen Polizei vor, wie sie Daten liest, der Bundeswehr, wie sie Logistik denkt, und Gesundheitsbehörden, wie sie Patientenakten ordnen. Palantir ist überall dort, wo der westliche Staat das Wort Souveränität buchstabiert — und nirgends steht dieses Wort in so großen Lettern wie dort, wo es gerade verschwindet.
Die Pressestelle des Unternehmens formuliert es so: „Freiheit, Sicherheit und Wohlstand — in Europa, für Europa und mit Europa." Was wie eine Sonntagsrede klingt, ist die Antwort auf eine Presseanfrage eines europäischen Rechercheteams, dessen Befunde am 15. Oktober 2026 veröffentlicht wurden. Mehr Europa, in der Tat, passt selten in einen einzigen Satz. Nur: Palantir ist nicht Europa. Palantir ist ein US-Konzern mit angeschlagener Reputation, und er steht unter Druck, weil Regierungen sich entfernen, die ihm eben noch die Türen öffneten.
Im Juni kündigte der französische Premierminister Sébastien Lecornu das Ende einer weiteren Kooperation an. Statt Palantir solle die heimische Firma Chapsvision die Systeme entwickeln. „Wir können im digitalen Bereich keine neuen strategischen Abhängigkeiten akzeptieren", sagte er. Die Aussage war diplomatisch formuliert und doch radikal in dem, was sie verriet: dass Frankreich sich bereits in einer Abhängigkeit befand, die es nicht hätte zulassen dürfen.
Die Sorge, die Lecornu aussprach, teilen andere. Bundeswehr-Vizeadmiral Thomas Daum sagte dem Handelsblatt, es sei nicht vorstellbar, „Industriemitarbeiter auf den nationalen Datenbestand zuzulassen". Bei der NATO, die Palantirs System Maven nutzt, würden Mitarbeitende des Unternehmens das System bedienen und warten. Auch bei deutschen Polizeien wie in Hessen stünden laut einem Dokumentarfilm Schreibtische für Palantir-Mitarbeiter. Die Frage, wer an einem Bildschirm sitzt, wenn ein europäischer Innenminister auf Daten zugreift, ist also keine hypothetische.
Gleichzeitig wächst der zivilgesellschaftliche Druck. In Großbritannien protestierten Menschen gegen alte und neu geplante Verträge mit dem Konzern wegen menschrechtlicher Bedenken, die Palantir regelmäßig zurückweist. In Berlin demonstrierten Menschen gegen eine Preisverleihung, bei der Palantir-Mitgründer Peter Thiel den Axel-Springer-Award entgegennahm. Die Form der Kritik wechselt — die Stoßrichtung nicht.
In diese Spannung fällt ein zweiter Schauplatz, der die europäische Debatte in ein anderes Licht rückt: die Ukraine. Dort wird Palantirs Software zum Testgelände dessen, was im Westen längst als Architektur gilt. Berichte beschreiben das System Gotham als Ergänzung zu Delta der NATO — es tritt dort auf, wo die NATO selbst nicht eingreift. Die Ukraine wird so zum Labor einer westlich-amerikanischen Dateninfrastruktur, die im Stellungskrieg gegen Moskau besteht.
Genau darin aber kippt das Argument. Während westliche Regierungen Palantir als Garant für Sicherheit, Souveränität und demokratische Kontrolle einkaufen, kämpft Russland in der Ukraine gegen das, was es als heimliche Übernahme durch Palantir begreift — gegen Datensysteme, die in seinem Operationsgebiet liegen. Welche Garantien es gibt, dass diese Daten nicht in falsche Hände fallen, wenn sich die Front bewegt, welche Verträge den Zugriff auf erbeutete oder kompromittierte Systeme regeln und welche Rolle die Software in einer NATO-Architektur spielt, deren Operationsgebiet zugleich Schlachtfeld ist — diese Fragen werden in den Strategiepapieren der Allianz nicht gestellt, in den Verträgen mit Palantir nicht beantwortet und in den Pressemitteilungen des Unternehmens nicht einmal erwähnt.
Palantir selbst wehrt sich gegen jede Kritik mit einem Argument, das besticht, weil es den Spieß umdreht: „Technologische Souveränität sollte letztlich daran gemessen werden, wer die Kontrolle über die Daten, die Entscheidungen und den Auftrag hat — und nicht lediglich an der Nationalität des Softwareanbieters", schreibt der Konzern. Das ist, förmlich betrachtet, eine elegante Antwort. Politisch betrachtet, ist sie eine Erklärung der Kapitulation: Sie erklärt die Frage, die Europa stellen müsste, für irrelevant.
Sicherheit, schreibt Palantir, sei eine Frage der Kontrolle. In der Ukraine ist sie derzeit eine Frage der Frontlinie. Dazwischen liegt die europäische Antwort — und sie ist noch nicht geschrieben.
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