Rechenzentrum unter Walen: Wenn nur die Absicht zählt
Ein Rechenzentrum auf dem Meeresboden, mitten im Lebensraum der seltenen Nordatlantischen Glattwale. So will es DeepGreen Western Passage SPV, ein Unternehmen, dessen Projektentwickler Louis Wolfson dem Faktencheck-Portal Snopes bestätigt hat: Konkrete Baupläne existieren nicht. Noch nicht. Noch gar nichts.
Was es gibt, ist eine vorläufige Genehmigung der Federal Energy Regulatory Commission, erteilt im August. Vier Jahre lang hat DeepGreen damit Priorität im Bay of Fundy vor der Küste Maines, einer der wenigen verbliebenen Lebensräume einer akut vom Aussterben bedrohten Spezies. Kein Recht zu bauen. Kein Recht zu untersuchen. Nur ein Vorrecht, sich zu melden, wenn andere denselben Plan haben.
Die wirtschaftliche Logik ist rasch aufgeschrieben. Rechenzentren fressen Strom, sie erzeugen Wärme, und beides lässt sich am billigsten im Meer regeln. Der Bay of Fundy hat die Gezeiten, hat die Tiefe, hat die Kälte. Auf dem Papier sieht das nach einem Geschäftsmodell aus, das in keine Bilanz ein Loch schlägt. Auf dem Papier sahen Bilanzen schon öfter sauber aus.
Die rechtliche Lage ist das Gegenteil von sauber. Der Endangered Species Act, das amerikanische Pendant zu einem strengen Artenschutzgesetz, schützt mit harten Bandagen, was selten geworden ist. Doch es gibt eine Lesart, die diesen Schutz dehnen kann wie Gummi. Wenn ein Schiff beim Bau eines Rechenzentrums versehentlich einen Wal rammt, wenn beim Verlegen von Kabeln unbeabsichtigt gefährdete Tiere zu Tode kommen, dann ist das nach dieser Lesart kein Vergehen. Solange es niemand wollte. Die Absicht entscheidet, nicht die Tat, nicht die Leiche, nicht das Tier.
Was wie eine Spitzfindigkeit klingt, ist die entscheidende Bruchstelle des gesamten Vorhabens. Man muss keine Geschichtsbücher gewälzt haben, um zu begreifen, was passiert, wenn die Konsequenz einer Handlung unsichtbar wird, solange die Handlung nur ungewollt war. Dann wird ein Bauwerk im Lebensraum von geschätzt dreihundertvierzig verbliebenen Tieren zu einer Frage der juristischen Formulierung. Formulierung ist ein Geschäft, das sich gut bezahlt macht.
Was fehlt, sind die Studien. Wolfson hat erklärt, das Unternehmen werde nicht voranschreiten ohne detaillierte Umweltprüfungen. Eine Aussage, die sich auf einer Pressemitteilung vorzeigen lässt und auf einem Meeresboden anders liest. Um überhaupt feststellen zu können, ob das Vorhaben machbar ist, muss DeepGreen bei einer ganzen Reihe von Bundes- und Landesbehörden Anträge für umfassende Umwelt- und technische Studien stellen. Das ist bisher nicht geschehen. Das Faktencheck-Portal Snopes hat die Angaben geprüft und kommt zu demselben Ergebnis: Es gibt noch keine Studien. Es gibt noch nicht einmal Anträge auf Studien. Wer sagt, er werde nichts tun ohne Grundlage, hat keine Grundlage und tut es trotzdem nicht. Man wartet.
Wie wenig über die Tiere und ihren Lebensraum überhaupt bekannt ist, räumt das Woods Hole Oceanographic Institute in einer Mitteilung offen ein. Über das Verhalten der Nordatlantischen Glattwale im zentralen Golf von Maine wissen Forscher erstaunlich wenig. Ozeanographische und zooplanktonische Daten für diese Region sind kaum vorhanden, weil Wetter und See dort im Spätherbst und Winter Forschungsarbeit fast unmöglich machen. Auf eine solche Karte setzt man kein Gebäude. Auf eine solche Karte setzt man eine Wette.
Dass die Geschichte der Wale und des Menschen keine glückliche ist, lässt sich nachlesen. Seit der globalen Kommerzialisierung des Walfangs im siebzehnten Jahrhundert ist die Zahl dieser Tiere auf einen Bruchteil dessen gesunken, was einmal da war. Der Bay of Fundy ist eine der letzten verbliebenen Kinderstuben der Nordatlantischen Glattwale. Eine Kinderstube, in die ein Bauherr drängt.
Gegen das Vorhaben formiert sich Widerstand. Die Stadt Eastport, deren Stadtrat sich ablehnend positioniert hat. Die Passamaquoddy, deren angestammtes Hoheitsgebiet sich über die Region erstreckt. Umweltorganisationen, die den Schutz der Tiere nicht als Verhandlungsmasse verstehen. Eine Petition auf Change.org sammelt Unterschriften gegen das Vorhaben. Welche der genannten Parteien tatsächlich über die rechtliche Befugnis verfügt, das Projekt vollständig zu stoppen, ist nach Einschätzung der Prüfer bisher offen.
Offen ist auch, was am Ende schwerer wiegt. Das Versprechen eines Unternehmens, das ohne Studien nicht bauen will. Die Lücken im Verfahren. Die Lücke im Gesetz, durch die ein Wal verschwinden könnte, ohne dass es jemand wollte. Und das wäre, nach der Logik mancher juristischer Lesarten, kein Problem. Nur ein ungewollter Wal.
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