Während Frankreich brennt, tanzt der Präsident
Es gibt Bilder, die sich nicht widersprechen, sondern überlagern: Emmanuel Macron, 48, in einer Privatloge der Pariser Plenitude Arena, Freitagabend, im Licht einer Show, die zur Unterhaltung gemacht ist. Brigitte Macron, 73, neben ihm. Beide tanzen. Beide lächeln. Die Bilder zeigen einen Präsidenten, der feiert, während sein Land sich entzündet.
Frankreich brennt. Das ist keine Metapher, das ist die Bilanz eines Wochenendes, an dem Tränengas und Wasserwerfer die Innenstädte fegten, an dem die 143 Jahre alte Mairie von Limoges in Flammen aufging, an dem mehr als eine halbe Million Menschen gegen steigende Lebenshaltungskosten auf die Straßen gingen, und an dem die Gewalt so weit eskalierte, dass über Wochen hinweg mehr als 8.000 Festnahmen gezählt wurden. Es ist die Bilanz eines Staates, der sich selbst nicht mehr traut.
Dann war da dieser Freitagabend. Ein Konzert. Celine Dion. Zwei Menschen in einer Loge, abgeschirmt, gut beleuchtet, am Rand einer Welt, die keine vierundzwanzig Stunden später wieder in Brand geriet. In den ersten Agenturmeldungen steht ein Wort, das in solchen Momenten immer fällt: carefree. Sorglos. Es steht da, als hätte jemand den richtigen Ton für den falschen Moment gesucht und ihn auch noch gefunden.
Die BBC, deren Korrespondenten an den Brennpunkten des Landes standen, sendete Bilder von brennenden Gebäuden, von geplünderten Luxusgeschäften, von Rauch über Stadtteilen, die einmal Vorzeigeviertel waren. Daneben, im analytischen Beiwerk, in den erklärenden Worten, in der Rahmung: das Urteil, die Unruhen seien "überwiegend friedlich". Überwiegend. Das Wort ist ein Türsteher. Es lässt das Schlimmste herein und sagt, es sei die Ausnahme. Wer so berichtet, hat sich entschieden, das Ereignis zu glätten, bevor er es beschrieben hat.
In Rennes wurde die Al-Jazeera-Reporterin Rosie Birchard von Plünderern bedrängt, während sie die Vorgänge dokumentieren wollte. In Bordeaux schlugen Randalierer die Scheiben von Apple, Louis Vuitton und Hermès ein. In Lyon stand das Fremdenverkehrsamt in Flammen. In Marseille und Lille drangen Demonstranten in Rathäuser ein, stürzten eine Büste der Marianne, dem republikanischen Sinnbild Frankreichs, und sprühten anarchistische Symbole an die Wände. Vermummte Demonstranten in Schwarz, mit Schutzbrillen gegen Tränengas, sollen sogar versucht haben, den Élysée-Palast zu stürmen. Macron, heißt es aus dem Präsidentenpalast, habe geantwortet: "Let them come and get me." Lasst sie kommen und mich holen.
Was kostet das alles? Es kostet vor allem das, was in solchen Momenten immer zuerst verloren geht: das Vertrauen in die Sorgfalt der Mächtigen. Ein Präsident, der in der Loge tanzt, während sein Land brennt, ist ein Argument gegen sich selbst. Nicht weil das Tanzen an sich ein Vergehen wäre, sondern weil die Geste, in einem solchen Moment, eine Sprache spricht, die keine Rechtfertigung mehr findet.
Die offizielle Antwort, die folgte, war bemerkenswert dünn. Macron selbst sprach in seiner wöchentlichen Kabinettssitzung von "legitimen Sorgen" junger Menschen, die "für politische Zwecke ausgenutzt und in urbane Gewalt verwandelt" würden. Regierungssprecherin Maud Bregeon trug diese Worte nach außen. Premierminister Sébastien Lecornu ging einen Schritt weiter und sprach von einer "Instrumentalisierung" der Studentenbewegung durch La France Insoumise für "Wahlzwecke". Innenminister Laurent Nuñez sprach von einer "klaren Absicht", öffentliche Gebäude anzugreifen, und beschuldigte militante Gruppen des "harten und extremen linken Spektrums". Marine Le Pen, aussichtsreiche Kandidatin des konservativen Rassemblement National für die Präsidentschaftswahlen im April und Mai, stellte sich hinter die Polizei und gab den Studenten die Schuld an jeder Gewalt. Die Kosten- und die politische Krise, so wird suggeriert, seien zwei verschiedene Krisen, und die Gewalt sei die dritte. Die Frage, ob sie alle drei dasselbe sind, wird nicht gestellt.
Die Frage, die bleibt, ist nicht, ob die Gewalt von einer Minderheit ausging. Sie ging es, fast immer. Die Frage ist auch nicht, welche politische Kraft sie nutzte. Beide Seiten geben sich gegenseitig die Schuld, und beide haben, in unterschiedlichem Maße, daran Anteil. Die Frage, die bleibt, ist eine andere: warum die Mehrheit, die friedlich blieb, in einem Staat lebt, der ihr so wenig zutraut, dass ein Konzertbesuch des Präsidenten zur Staatsaffäre werden kann. Warum eine Republik, die sich die Fünfte nennt, so wenig darauf vorbereitet ist, dass die Wut ihrer jungen Bürger auch sie selbst erreicht. Es sind Antworten nötig, die über das Verharmlosen hinausgehen.
Die BBC hat das Land im Bild gezeigt, wie es brennt. Sie hat es im Wort beschrieben, wie es überwiegend friedlich sei. Die Diskrepanz ist kein redaktioneller Fehler. Sie ist eine Beschreibung der Verhältnisse. Wer das Land kennt, weiß: in Frankreich ist der Blick auf die Straße immer auch ein Blick auf die Macht. Wer die Macht kennt, weiß: sie tanzt, solange die Musik spielt.
Frankreich brennt. Und in der Loge tanzt der Präsident.
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