Der Salto und der Sturz — Kaliforniens Football zwischen Glanz und Verfall
Zwei Spiele, ein Bundesstaat, ein Freitagabend. Wer von oben auf die Landkarte blickt, sieht den Kontrast sofort: hier das Bild, das die Meßlatte verschiebt — dort das Bild einer Disziplin, die sich selbst nicht mehr vertraut.
Beginnen wir oben, im hellsten Licht. Am Freitag lief im Saddleback College in Mission Viejo die Partie zwischen Santa Margarita und Inderkum. Sie endete 41:0 für die Eagles. Es wäre eine Wochenendmeldung wie viele, gäbe es nicht diesen einen Spielzug, der inzwischen SportsCenters Platz eins füllt: Sophomore Running Back Adrian Petero fing einen Swing Pass von Quarterback Fletch Palmer, dreiundzwanzig Yards vor der Endzone, sah vier Verteidiger vor sich und ging über sie hinweg. Nicht im Flug — durch sie hindurch. Über einen Verteidiger, der nach seinen Beinen hechtete, rollte er hinweg, fing das Gleichgewicht wieder, traf den zweiten, fegte den dritten mit dem steifen Arm beiseite und lief den vierten schlicht durch. Touchdown. Das Stadion schwieg kurz, dann kam der Applaus. Sofort fiel ein Name: John Elway. Dessen Hubschrauber-Move im Super Bowl 33 von 1999 — Denver Broncos gegen Atlanta — galt zwei Jahrzehnte lang als das unauslöschliche Bild eines Spielers, der den Boden verließ. Petero hat es überholt, so der Tenor in den sozialen Netzwerken. Man darf das feiern. Man muss es einordnen.
Denn am selben Abend, wenige hundert Meilen nordöstlich, in Victorville, trug sich eine andere Geschichte zu. Die Victor Valley High School besiegte Apple Valley im sogenannten Bell Game, 20:7, auf eigenem Platz. Die Partie endete nicht mit einem Skandal — sie endete mit Gesten. Ihr Maskottchen, der Jackrabbits-Hase, tanzte auf der Laufbahn und zeigte der gegnerischen Seitenlinie den ausgestreckten Mittelfinger. Die Mannschaft selbst posierte anschließend mit ebensolchen Gesten. Superintendent Carl J. Coles und Schulleiter Darius Robinson sprachen von einer „überschrittenen Linie". Die Konsequenz: einwöchige Suspendierung der gesamten Mannschaft samt Trainerteam, Verzicht auf das nächste Spiel, eine förmliche Entschuldigung an Apple Valley. Man halte das fest: Eine Schule sperrt eine siegreiche Football-Mannschaft aus — nicht wegen einer Niederlage, sondern wegen des Wie.
Das ist der Salto, das ist der Sturz. Beides am selben Wochenende, beides in demselben Bundesstaat, beides in derselben Sportart. Wer hier nur die Heldenbilder feiert oder nur die Ausraster verurteilt, verkennt das Muster. Was sich zeigt, ist nicht das Versagen einer einzelnen Schule. Es ist das wiederkehrende Bild einer Sportkultur, in der die Inszenierung auf dem Platz längst nicht mehr vom Verhalten daneben zu trennen ist. Maskottchen, die aus der Rolle fallen. Spieler, die nach dem Abpfiff Schilder hochhalten. Verwaltungen, die ihre eigene Mannschaft vom Platz nehmen, weil ihnen das eigene Auftreten peinlich wird.
Dass Petero unter Carson Palmer trainiert wird — Heisman-Gewinner von USC, Alumnus derselben Schule —, ist kein Widerspruch, sondern eine Verdichtung. Wo auf höchstem Niveau trainiert wird, müsste das Auftreten auf demselben Niveau gefordert werden. Dass dies am selben Wochenende andernorts derart kippt, ist nicht trotz, sondern wegen der Logik einer Umgebung, die sportlichen Erfolg als alleinigen Wert führt. Wer die Helden will, muss die Linie mitbestellen. Tut er es nicht, kommt, was am Freitagabend in Victorville zu sehen war: ein Hase, der den Mittelfinger hebt, und eine Schule, die hinterher aufräumt.
Es gibt eine dritte Linie, die in diesen Bericht gehört. Eine wüste Schlägerei bei einem anderen kalifornischen High-School-Spiel beendete die Partie vorzeitig. Die Einzelheiten liegen im Halbdunkel der sozialen Netzwerke. Fest steht nur: Wo gefeiert wird, wird auch geschlagen. Wo ein Salto bejubelt wird, dreht anderswo ein Maskottchen durch. Es sind die beiden Aggregatzustände desselben Drucks — der Erwartung, sichtbar zu sein, zu siegen, zu glänzen, koste es, was es wolle.
Elway hat vor siebenundzwanzig Jahren einen Football durch die Luft getragen. Petero hat ihn über Verteidiger hinweggetragen. Beides wurde im selben Medium verbreitet, das heute jeden Ausraster in Endlosschleife dreht. Das Problem beginnt dort, wo beide Bilder sich vermischen: Wenn das Heldenhafte nur noch durch das Skandalöse zu erklären ist und das Skandalöse nur noch durch das Heldenhafte zu rechtfertigen. Es ist ein Teufelskreis, der sich nicht im Stadion entscheidet, sondern in der Frage, was eine Schule, ein Trainer, ein Verband überhaupt noch zu kontrollieren vermag.
Man darf den Salto feiern. Man muss die Schlägerei benennen. Und man muss zur Kenntnis nehmen, dass beides am selben Wochenende in denselben Bundesstaat gehört. Wer den Himmel sehen will, muss auch den Boden prüfen.
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