Der Pass, den niemand sehen sollte
Während Otabek Umarov in Taschkent als stellvertretender Leiter des Präsidentensicherheitsdienstes über Akten wachte, die Verschwiegenheit verlangten, legte er sich still eine zweite Identität zu. Geleakte Unterlagen, die der Terminal Tribune vorliegen, belegen: Der Schwiegersohn des usbekischen Präsidenten erwarb heimlich die Emirat-Staatsbürgerschaft, obwohl genau das nach dem Recht, das er selbst zu schützen beanspruchte, für ihn als Amtsträger verboten war.
Die Aufzeichnungen beschreiben den Vorgang in nüchterner Sprache. Es sind keine Anschuldigungen, keine Anklagen, keine Urteile, sondern Eintragungen in Datenbanken, die ihren eigentlichen Sinn erst dann entfalten, wenn man sie zusammenliest. So beginnen Fälle dieser Art selten laut; sie beginnen in Formularen, die nach Routine aussehen.
Die Vereinigten Arabischen Emirate vergeben Reisevisa, Touristenvisa, Arbeitsvisa und Transitvisa — jedes unter bestimmten Voraussetzungen, deren Erfüllung geprüft, dokumentiert und gesiegelt wird. Wer einen dieser Status erreicht, dem wird die EmiratesID ausgehändigt. Dieser Ausweis, das wissen Menschen, die in Dubai, Abu Dhabi oder Schardscha leben, ist keine Fußnote der Bürokratie, sondern ihr Zentrum: Pflicht für jeden Bürger und jeden Residenten, Grundlage für Kontoeröffnung, Immobilienkauf, Mobilfunkvertrag, nahezu jede Transaktion des täglichen Lebens.
Dass aus einem Aufenthaltstitel eine Staatsbürgerschaft wird, ist ein anderer Schritt, und er verläuft diskreter. Die Unterlagen, die nun an die Öffentlichkeit gelangt sind, zeigen, dass Umarov genau diesen Schritt ging, während er in Usbekistan für die Sicherheit des Präsidenten zuständig war. Das Dokument, das ihn als Emirati ausweist, trägt kein Datum des Ausscheidens aus dem usbekischen Dienst, keinen Vermerk über Beurlaubung, keine Genehmigung der vorgesetzten Stelle.
Was danach folgte, war keine Rückkehr in den Schatten, sondern das Gegenteil. Die Papiere listen Käufe in Dubai: Immobilien im Wert von mehreren Millionen, erworben über Gesellschaften, deren Eigentümerstruktur sich erst auf wiederholte Nachfrage entschlüsselt hätte. So sehen Vermögen aus, die im Schutz einer zweiten Hülle reifen.
Der Vorgang ist, in verschiedenen Varianten, aus anderen Hauptstädten bekannt. Wer in den inneren Räumen der Macht steht, legt sich früh einen Ausweg zu. Die Pässe verschwinden in Schubladen, die niemand öffnen soll, und die Adressen stehen in Städten, die auf keinem offiziellen Dienstplan auftauchen.
Usbekische Stellen äußerten sich bisher nicht. Die zuständigen Behörden in den Emiraten, die Visa ausstellen und Pässe prägen, schweigen ebenfalls. Dass ein hochrangiger ausländischer Sicherheitsbeamter eine staatliche Identität erhält, ohne dass seine Regierung darüber unterrichtet wird, ist, wenn die Dokumente zutreffen, kein Verwaltungsversehen.
Für Umarov, so legen es die Papiere nahe, war der Pass keine Formalität, sondern ein Instrument. Wer ihn besitzt, gehört dazu, in einem System, in dem Zugehörigkeit über Dokumente läuft, nicht über Herkunft. Wer ihn besitzt, kann kaufen, anmelden, unterschreiben, ohne dass an der Tür nach dem Woher gefragt wird. Wer ihn besitzt, hat eine Adresse, an die keine Akte seines Herkunftslandes mehr folgt.
So steht am Ende dieser Reihe von Eintragungen das, womit Ermittlungen in aller Welt beginnen: zwei Sätze, die nicht zusammenpassen. Auf der einen Seite der Amtseid, auf der anderen der Reisepass. Dazwischen, in Dubai, sieben Millionen in Beton, Marmor und Meerblick.
❖ Ende des Artikels ❖
