Frieden, Einheit, Stabilität: Belgrads Diasporaförderung als politisches Werkzeug
Kumanovo, 23. Mai dieses Jahres. Während in Belgrad Zehntausende Studenten gegen vierzehn Jahre Aleksandar Vucic und seiner Fortschrittspartei SNS auf die Straße gehen, versammeln sich 400 Kilometer südlich einige Hundert ethnische Serben. Sie tragen T-Shirts mit dem SNS-Wahlspruch „Serbia Wins". Sie tragen die Linie der Regierungspartei. Finanziert von der Regierung selbst.
Die Versammlung organisierte eine lokale Bürgerinitiative namens „Mir, Sloga, Stabilnost" — Frieden, Einheit, Stabilität. Der Name klingt verdächtig nach dem SNS-Wahlslogan von 2022: „Frieden, Stabilität, Vucic". Koinzidenz, sagen die einen. Koinzidenz mit Fördergeld, belegen die Zahlen.
Denn 38 Tage vor dem Treffen in Kumanovo überwies das serbische Außenministerium, genauer dessen Direktion für die Diaspora, der Bürgerinitiative 3.400 Euro. Zweck laut Akte: orthodoxe Religionsprojekte. Wenige Wochen später folgten 2.500 Euro für ein Vorhaben zur Erhaltung der kyrillischen Schrift. Beide Beträge sind klein. Zusammen ergeben sie weniger als ein durchschnittliches Monatsgehalt, weniger als die Miete einer kleinen Wohnung in Novi Sad. Aber sie sind das Skelett, an dem eine politische Infrastruktur hängt.
Seit 2023 hat die Direktion für die Diaspora mindestens 250.000 Euro an serbische Diasporaorganisationen in Nordmazedonien, Bosnien und Herzegowina sowie im Mutterland selbst ausgezahlt. Diese Organisationen, identifiziert durch eine Recherche, deren Ergebnisse der Terminal Tribune vorliegen, bewerben öffentlich die SNS, wiederholen russische Narrative, verherrlichen Kriegsverbrecher oder verbreiten rechtsgerichtete „anti-gender" Rhetorik. Manche, so die Befunde, haben keine Räumlichkeiten, keine Mitarbeiter, keine sichtbare Arbeit. Sie existieren als Briefkasten. Sie existieren als Konto.
Das Außenministerium und die Direktion antworteten nicht auf Anfragen. Die Leiterin der Kumanovoer Initiative, Maja Denkovska, lehnte eine Stellungnahme ab und verwies auf Krankheit. Wohl jene Krankheit, die einen nicht hindert, im regierungsnahen Boulevardblatt Informer zu erklären, man könne in Serbien unter Vucic und der SNS einfach nicht unzufrieden sein. Im April des Vorjahres schickte ihre Initiative Busse und Sandwiches nach Belgrad — zu einer pro-regierungs-Demonstration. Kosten: minimal. Wirkung: ein Transport voller Stimmen auf der richtigen Kundgebung.
Die Mechanik, die in Belgrad unter dem Etikett „Diaspora-Arbeit" läuft, hat ein Gegenstück jenseits des Atlantiks. In den Vereinigten Staaten haben Nonprofit-Organisationen, die der indischen Rashtriya Swayamsevak Sangh, dem RSS, nahestehen, Millionen Dollar erhalten. Der Kanal: Donor-Advised Funds — Stiftungsfonds also, bei denen der Spender die Empfehlung aussprechen darf, wohin das Geld fließt, ohne dass die ausführende Stiftung die politische Hoheit übernimmt. Übersetzt: Geld, das angeblich niemandem gehört, aber überall dort ankommt, wo es ankommen soll.
In Belgrad fließt das Geld über ein Ministerium, das keine Auskunft gibt, an Vereine ohne sichtbare Tätigkeit, deren Output politisch konform ist. In Washington fließt es über Stiftungen, die technisch unabhängig sind, an Strukturen mit fester ideologischer Linie. Die Kette ist in beiden Fällen lang genug, dass niemand Verantwortung übernimmt. Sie ist lang genug, dass jeder, der in sie hineingreift, sich die Finger schmutzig machen müsste — und niemand greift hinein.
250.000 Euro klingt nicht nach viel. Aufgeteilt auf Dutzende kleiner Vereine in drei Ländern, eingebettet in ein Netz aus regierungsnahen Medien und parallelen Erzählungen, reicht es. Es reicht für ein paar Busse, ein paar T-Shirts, ein paar kyrillische Workshops, ein paar orthodoxe Projekte. Es reicht, um in einem sensiblen Moment eine Gegendemo zu finanzieren, 400 Kilometer entfernt, während die Hauptstadt brennt. Es reicht, um zu kaufen, was man nicht wählen kann: die Inszenierung einer Zustimmung, die keine ist.
Die Frage, die Belgrad offenlässt, ist nicht, wofür das Geld ausgegeben wird. Das Außenministerium hat dazu geschwiegen. Die Frage ist, warum es am Ende niemandem rechenschaftspflichtig zugeordnet werden kann. Und die zweite Frage, die sich aus dem Blick nach Washington aufdrängt: ob diese Distanz ein serbischer Sonderfall ist — oder ein Geschäftsmodell, das man sich anderswo abgeschaut hat und künftig abschauen wird.
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