Was Acxiom über Sie weiß: Mehr als dreitausend Vermutungen über Ihr Leben
Als Tracey Reed aus Oregon beim Datenbroker Acxiom ihre eigene Akte anforderte, schickte ihr das Unternehmen 58 Seiten Papier. Die Mitarbeiterin einer Nonprofit-Organisation erfuhr dort, dass Acxiom ihren Wohnort bis auf Breiten- und Längengrad kannte. Sie sah auch, an wie viele andere Firmen das Unternehmen Daten und Vermutungen über sie weiterverkauft hatte. „Ich finde es ziemlich unverschämt, dass Menschen wie Geldquellen behandelt werden, die man ausquetschen kann", sagte sie. „Genau das sind diese Datenprofile: eine Anleitung, wie man diese Person melkt und ihr Geld abnimmt."
Acxiom hat seinen Sitz im US-Bundesstaat Arkansas und behauptet, Daten über Milliarden von Menschen weltweit zu besitzen — inklusive Wohnort und mutmaßlicher Ausgabegewohnheiten. Das Unternehmen gibt an, auch auf politische Neigungen, das Gewicht und das Interesse an medizinischen Verfahren schließen zu können — von Vorsorgeuntersuchungen bis hin zur Wahrscheinlichkeit, sich einer Mammografie zu unterziehen. Was das praktisch bedeutet, zeigen Dossiers, die das Verbraucherschutzprojekt von Consumer Reports in mehreren Bundesstaaten eingesammelt hat. CalMatters und The Markup haben die Unterlagen gemeinsam mit Consumer Reports ausgewertet.
Mehr als hundert solcher Akten haben die Rechercheteams gesichtet. Sie dokumentieren, in welchem Umfang Acxiom Vorhersagen produziert — und zwar in mehr als dreitausend unterschiedlichen Kategorien. Die Spanne reicht vom Alter und Geschlecht der Kinder einer Person über deren geschätzten „Alkoholkonsum" bis hin zur Wahrscheinlichkeit, auf einer Skala von eins bis hundert demnächst einen Tesla Cyber Truck zu kaufen. Die Profile enthalten nach Angaben der Reporter auch Annahmen über Gewicht, Trinkgewohnheiten und medizinische Vorsorge — Kategorien, mit denen Privatpersonen nicht rechnen, wenn sie einen Broker um Auskunft bitten.
Die Dokumente erlauben einen Blick auf eine Industrie, deren Geschäftsmodell auf Annahmen über Menschen beruht. Sie zeigen, wie ein Konzern wie Acxiom Daten zu Gesundheit, Trinkgewohnheiten und Vorsorgeverhalten in handelbare Kategorien einordnet. Was ein Broker über das Gewicht, den Alkoholkonsum und die Wahrscheinlichkeit ärztlicher Untersuchungen einer Person zu wissen glaubt, sagt weniger über den Einzelfall als über ein System, das Verhalten statistisch zu erfassen und zu bewerten versucht — und mit diesen Profilen am Markt auftritt.
Die Möglichkeit, solche Akten einzusehen, verdankt sich neuen Datenschutzgesetzen in mehreren Bundesstaaten, die Verbraucherinnen und Verbrauchern erstmals ein Auskunftsrecht gegenüber Brokern einräumen. Consumer Reports will auf diesem Weg prüfen, wie wirksam die Regelungen greifen — und welche Informationen die Unternehmen tatsächlich erheben. Acxiom war nach Darstellung der Partner nicht der einzige Broker, bei dem Verbraucherinnen Auskunft erbaten, aber einer der größten — und einer der wenigen, die ausführlich geantwortet haben.
Eine Sprecherin von Consumer Reports erklärte gegenüber den Reporterinnen, die Mitgliedersparte der Organisation nutze zwar Daten, die auch von Brokern wie Acxiom stammten, um Interessen besser zu verstehen — etwa die Wahrscheinlichkeit, selbst Mitglied zu werden. Die Informationen würden aber nicht zur Preisgestaltung verwendet und nicht an die Broker zurückgespielt.
Was bleibt, ist eine Art Inventur: Dossiers, in denen festgehalten ist, was ein Konzern wie Acxiom über Gesundheit, Gewohnheiten und mutmaßliche Pläne von Privatpersonen zu wissen glaubt — und an wen er diese Erkenntnisse weitergibt. Wer heute einen Broker um Auskunft bittet, erfährt nicht nur, was über ihn gesammelt wurde. Er erfährt vor allem, was über ihn angenommen wird.
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