Halbiert, verharmlost, nicht gefragt
Zwei Monate. Dann soll eine bindende Vereinbarung über ein zwanzig Milliarden Dollar teures Kohlendioxid-Abscheideprojekt im Nordosten Albertas unterzeichnet werden, gegen das die Bewohner der direkt betroffenen Landkreise sagen: Sie seien in den zwei Jahren der Verzögerung nicht ein einziges Mal konsultiert worden. Der Präsident des Industrieverbands, der das Vorhaben trägt, hat inzwischen eingeräumt, dass das Projekt deutlich kleiner ausfallen werde. Er nennt es „leicht kleiner". Die Differenz beträgt fünfzig Prozent. Die Semantik der Reduktion ist, was bleibt, wenn die Reduktion selbst zur Nebensache wird.
Pathways Alliance, der Zusammenschluss der sechs größten Ölsandproduzenten Kanadas — Canadian Natural Resources, Cenovus, ConocoPhillips, Imperial Oil, MEG Energy und Suncor — plant in der Region Cold Lake eine CCS-Anlage, die nach Eigenangaben als die größte ihrer Art im Land gelten wird. Präsident Kendall Dilling hat bestätigt, dass das Vorhaben, das sich nach seinen Worten noch in einer frühen Phase befinde, „erheblich" zurückgefahren werde. Die Linguistik des Geschäfts — das Wort „erheblich" für einen Verlust von fünfzig Prozent, das Wort „leicht" für denselben Sachverhalt in der nächsten Pressekonferenz — interessiert sich selten für die Linguistik der Anwohner. Sie interessiert sich vor allem für das, was am Ende als Erfolg unterzeichnet werden kann.
In den Landkreisen rund um St. Paul, am östlichen Rand der geplanten Trasse, wohnen Menschen, die seit Monaten dieselben Fragen stellen und dieselben Antworten nicht erhalten. Penny Fox und Amil Shapka, Mitgründer der Initiative No CO2 Pipelines Alberta, gehören zu denen, die nie eine offizielle Anhörung erhalten haben. Shapka wurde in St. Paul geboren und dort aufgewachsen. Er erfuhr von der Pipeline aus der Presse — nicht weit von seinem Haus, über Felder hinweg, auf denen er einen Großteil seiner eigenen Nahrung anbaut. Was als persönliche Sorge beginnt, endet, sobald es als rechtliche Frage gestellt wird, in einer Behördenpost, die mitteilt, dass die Zuständigkeit derzeit bei einer anderen Stelle liege.
Die Geographie der Pipeline ist nebensächlich gegenüber der Geographie der Verfahren. Pathways Alliance hat das Projekt über Monate öffentlich vorgestellt, hat Investitionszusagen angekündigt, hat eine Trasse durch mehrere Landkreise geplant. Nun, da die Konzeption schrumpft — leise, mit Verweis auf Marktlage und technische Reife —, werden diejenigen, die am längsten mit den physischen Folgen zu leben hätten, weiterhin nicht befragt. Zwei Jahre Verzögerung, so die Bewohner. Kein einziges verbindliches Gespräch über Verlauf, Tiefe, Druck, Haftung im Schadensfall. Die Pipeline kennt ihr Ziel; die Betroffenen kennen nur die Karte, die gezeichnet wurde, ohne dass ihnen jemand den Stift hingehalten hätte.
Mit dem nahenden Unterzeichnungstermin — in zwei Monaten — beginnt eine rechtliche Maschinerie zu laufen, die im Nachhinein nur unter erheblichem politischen Aufwand zu stoppen wäre. Was einmal unterzeichnet ist, lässt sich politisch selten wieder auflösen; jeder Kilometer Trasse, der bereits genehmigt wäre, jeder Vertrag, der bereits abgeschlossen wäre, erhöht die Trägheit des Systems. Die Bewohner formulieren es so: ihre Rechte würden „unterzeichnet, bevor sie ausgehandelt sind". Die Formulierung mag im Ton ungenau sein. In der Sache ist sie nicht zu beanstanden.
Was bleibt, ist eine Rechnung, die noch nicht aufgegangen ist. Ein zwanzig Milliarden Dollar schweres Vorhaben, das in den eigenen Akten bereits halbiert wurde, bevor es überhaupt begonnen hat. Eine Trasse, deren gesundheitliche, ökologische und finanzielle Risiken bislang niemand beziffert hat. Eine Industrie, die das Wort „leicht" benutzt, wenn sie „halb" meint. Und zwei Monate, in denen noch alles — und nichts — geschehen kann. Die Geschichte ist nicht zu Ende. Sie hat, nach allem, was man weiß, noch nicht begonnen, mit denjenigen zu sprechen, die sie am meisten betrifft.
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