Börse
Terminal Tribune

27. Oktober 2026

Dossier · Finanzen & Wirtschaft

Die £5,9-Milliarden-Lücke ist kein Freifahrtschein

27. Oktober 2026 — E. Wolff

£5,9 Milliarden Pfund: So hoch beziffert Carbon Brief die Gaseinfuhren, die Britannien seit Beginn der Hormuz-Krise dank Wind und Solar vermieden haben soll. Die Zahl riecht nach Befreiung. Sie ist aber eine Schätzung, keine abgeschlossene Bilanz. Ihr Gegenstand ist eine Welt, in der mehr Gas verbrannt und mehr LNG importiert worden wäre. Eine unabhängige Prüfung dieser Rechnung liegt nicht vor; alle folgenden Werte stammen aus der genannten Analyse oder den darin zitierten Schätzungen.

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Trotzdem ist die Größenordnung relevant. Wind und Solar lieferten 2026 bislang 41 Prozent des britischen Strombedarfs, Gas noch 25 Prozent. Ihre Erzeugung lag 14 Prozent höher als im Vorjahr. Die gasgestützte Stromerzeugung ging laut der aktuellen Auswertung um fast zehn Prozent zurück. Eine vorangegangene Carbon-Brief-Auswertung sprach für einen Vergleichszeitraum von fast einem Drittel weniger Gasverbrauch als im Vorjahr; im März und April 2026 fiel die gasgestützte Erzeugung auf Rekordtiefs. Diese abweichenden Bezugsgrößen dürfen nicht miteinander verrechnet werden. Klar ist das Gefährliche der Entwicklung: Die Zahl der边际preissetzenden Gasanlagen sinkt. Das letzte, teuerste Kraftwerk, das den Reststrom liefert, wird seltener gebraucht. Sein Einfluss auf den Preis schrumpft.

Diese Wirkung ist real, aber ihr Umfang hängt von Wind, Sonne und einer einzigen Modellschätzung ab. Im September 2026 berechnete Carbon Brief durch Wind und Solar eine Ersparnis von £1,3 Milliarden bei den Gaseinfuhren, basierend auf knapp 10 Terawattstunden erneuerbarer Erzeugung. Der Gegenwert entspräche mehr als 100 zusätzlichen LNG-Tankerlieferungen. Den Preisanker lieferte der Markt selbst: Von 2023 bis Anfang 2026 kostete Gas im Durchschnitt 90 Pence je Therm, seit Ausbruch der Hormuz-Krise 134 Pence, im September 2026 zeitweise 189 Pence. Ohne die erneuerbare Erzeugung wären diese Preise auf eine größere Importmenge getroffen. Der angebliche Gewinn von £5,9 Milliarden ist deshalb vor allem eine Vermeidungsrechnung: teureres Gas, weniger importierte Mengen, eine hypothetische Differenz.

Nun die Gewinner. Aus diesen Zahlen lässt sich keine Firmenliste aufstellen. Betreiber von Windparks und Solarfeldern verkaufen mehr Strom; das schafft Umsatzpotenzial, beweist aber keine höheren Gewinne, weil niedrigere Marktpreise den Ertrag wieder schmälern können. Haushalte sind die unmittelbarsten Nutznießer: Nach einer Schätzung von Nesta, über die Carbon Brief berichtet, sollen typische Gasrechnungen ab 1. Oktober 33 Prozent beziehungsweise £200 pro Jahr höher liegen als im April, Stromrechnungen dagegen nur vier Prozent. Das ist keine Dividende, sondern ein Unterschied zwischen zwei Rechnungen.

Die Gasanbieter wiederum verkaufen weniger, dafür teurer. Weniger Volumen kann durch höhere Preise kompensiert werden; über Margen sagt die einzige vorliegende Analyse nichts. Einen Gewinn verspricht der Umbau vor allem dort, wo noch nichts gebaut wurde: Netze, Speicher, flexible Verbraucher und Anlagen, die bei schwachem Wind einspringen. deren Eigentümer könnten von der notwendigen Investition profitieren, sobald die Kosten auf Netzentgelte oder Verträge verteilt werden. Das sind künftige Gewinnchancen, keine nachgewiesenen Gewinne. Gaskraftwerke verlieren zugleich ihre Rolle als häufig gesetzter Preismacher. Werden sie nur noch selten gebraucht, schrumpfen ihre Erlöse, während fixe Kosten für Wartung und Verfügbarkeit bleiben.

Hier beginnt die Rechnung, die gegen den Importtod verteidigt wird, eine andere Rechnung aufzuschlagen. Gasspeicher waren der Puffer gegen Engpässe. weniger Gaseinsatz kann ihren wirtschaftlichen Nutzen und ihre Nutzung schwächen, obwohl sie an einem kalten, windarmen Tag gerade gebraucht werden. Netzausbau stockt, während Wind- und Solarleistung in Regionen liegt, deren Leitungen zu langsam folgen. batteriespeicher, flexible Nachfrage und zusätzliche Gaskraftwerke sollen die Lücken schließen. Jede dieser Lösungen braucht Geld, Zuständigkeiten und einen Preis, den jemand bezahlt.

Das ist der politische Kern. Die Abhängigkeit verschwindet nicht; sie wandert. Vom Brennstoff Import zum Wetter, von Tankstellen zu Leitungen, vomaukraftwerksvertrag zum Speicher. Wer gewinnt, hängt davon ab, ob der Staat Netzausbau, Reserveleistung und Speicher finanziert und wer am Ende die Rechnung trägt. Verbraucher zahlen sie, Unternehmen bauen sie, oder das System spart sie und riskiert in einer Stillphase die Lücke.

Die £5,9 Milliarden sind deshalb weder Windfall noch Freispruch. Sie zeigen, dass Wind und Solar Gasverbrauch und Importexposition senken. Das zählt. Sie senken außerdem, wie oft Gasanlagen den Marginalpreis bestimmen. Wie Nesta-Analyst Andrew Sissons es formulierte: Die Verbindung zwischen Gas- und Strompreisen beginnt zu brechen. Sie bricht nicht für immer. Wenn der Wind ausbleibt, schließt sie sich wieder, nur an anderer Stelle. Die_dependency hat ein neues Kleid bekommen. Die Wette ist dieselbe.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 1 von 4 Behauptungen belegt
  1. ZAHL Die Vermeidung von Gasimporten in Höhe von £5.9bn seit Beginn der Hormuz-Krise

    im Titel der Quelle gefunden

    vorgeschlagene Belegstelle verworfen, weil so nicht im Quelltext: „The figure below shows that wind and solar has avoided the need for UK gas imports worth £5.9bn, since the outbreak of war between the US and Iran in February 2026.“

  2. ZAHL Die Gaserzeugung war nahezu ein Drittel niedriger als im Vorjahr

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  3. DATUM Gaserzeugung erreichte Rekordtiefs in März und April 2026

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  4. ZITAT Wind- und Solarenergie reduzieren eindeutig den Gasverbrauch und die Importabhängigkeit

    die vorgeschlagene Belegstelle steht so NICHT im Quelltext und wurde deshalb verworfen; das ist eine Aussage ueber den Vorschlag, nicht ueber die Quellenlage

    vorgeschlagene Belegstelle verworfen, weil so nicht im Quelltext: „The UK has avoided the need for gas imports worth £5.9bn since the start of the Hormuz crisis as a result of record generation from wind and solar, reveals Carbon Brief analysis.“

Herangezogene Quellen

  • 4 weitere Quellen waren beim Schreiben nicht abrufbar

1 Quelle · 1 davon belegt · 4 externe Belege · 4 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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