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27. Oktober 2026

Dossier · Rüstung & Sicherheit

KI-Boom auf Kosten der lokalen Umwelt

27. Oktober 2026 — Hagen, Oberstleutnant a.D.

Hinter jeder Chatbot-Antwort, jedem Cloud-Speicher und jeder Videokonferenz steht ein Rechenzentrum. Es verbraucht Strom, nimmt Wasser für die Kühlung und stößt Wärme aus. In Deutschland entstehen deshalb immer mehr Anlagen dieser Art. Die Bundesregierung will die Kapazität der Rechenzentren bis 2030 mindestens verdoppeln. Für KI und Hochleistungsrechnen sollen die Kapazitäten sogar vervierfacht werden.

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Das ist die offizielle Rechnung. Die physische Rechnung fällt lokal aus. CORRECTIV hat das neue Rechenzentrenregister des Bundeswirtschaftsministeriums ausgewertet. Das Register zählt 319 öffentlich gelistete Anlagen. 109 davon liegen in 22 Regionen, in denen im Sommer 2026 zum Wassersparen aufgerufen oder die Wassernutzung eingeschränkt wurde. Rund jedes dritte öffentlich gelistete Rechenzentrum steht damit in einer Region mit sommerlicher Wasserknappheit.

Von 305 Anlagen mit ausgewiesener Abwärme ist ein Drittel öffentlich. Die betriebliche Bilanz der Branche ist eindeutig: Ihre Abwärme verpufft meist ungenutzt. Kühlanlagen nehmen Ressourcen auf und geben die dabei entstehende Wärme überwiegend an die Umgebung ab, statt damit Wärme zu versorgen. CORRECTIV beziffert den jährlichen Stromverbrauch der deutschen Rechenzentren auf rund 21,3 Milliarden Kilowattstunden. Hinzu kommt der Wasserbedarf für die Kühlung.

In Stuttgart melden drei Rechenzentren zusammen rund 25 Millionen Liter Wasserverbrauch pro Jahr. Das sind gemeldete Werte, keine Schätzung des Staates. In einer Stadt, in der Wasser im Sommer knapp werden kann, ist das eine beachtliche Entnahme. Der Trockenhitzetest folgt auf dem Rechner. Die Infrastruktur verbraucht, was Kommunen und Haushalte brauchen könnten.

Die Bundesregierung will die Umwelt- und Effizienzvorgaben für die Branche lockern. Eine entsprechende Novelle des Energieeffizienzgesetzes wird im Bundestag beraten. Danach soll das Zieldatum für eine vollständige Versorgung der Rechenzentren mit erneuerbaren Energien verschoben werden. Betreiber sollen ihre Abwärme künftig nicht mehr zwingend nutzen müssen. Wachstum und Ressourcenschutz werden damit getrennt behandelt: Die Rechenleistung erhält ein Zieldatum, die Umwelt eine Ausnahme.

Natürlich lässt sich Abwärme nicht in jedem Fall sinnvoll verwerten. Leitungen, Abnehmer, Bauzeiten und lokale Wärmenetze spielen eine Rolle. Nicht genutzte Wärme beweist deshalb nicht, dass jede einzelne Anlage schlecht geplant wurde. In einer Branche, deren Kapazitäten für KI und Hochleistungsrechnen vervierfacht werden sollen, ist der Versorgungs- und Nutzungsbruch aber ein deutlicher Indikator für eine nicht nachhaltige Infrastrukturplanung. Die Technik ist vorhanden. Die Frage ist, ob die Planung mit ihr Schritt hält.

Der Registerbefund belegt keinen Rechtsverstoß. Er zeigt eine politische Lücke. Der Staat treibt den Ausbau an, während die Umweltanforderungen für den wachsenden Kapazitätsbedarf zurückgehen sollen. Kommunen tragen die unmittelbaren Folgen: Wasserentnahmen, Belastungen der Wasserversorgung und Abwärme, die in die Luft entweicht. Der Nutzen fließt in die digitale und industrielle Wirtschaft. Die Kosten erscheinen dort, wo Rechenzentren gebaut werden.

Hinzu kommt die politische Dimension. Mehr KI-Rechenleistung erweitert staatliche, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Handlungsräume; sie kann auch militärische Aufgaben prägen. Für die Bundesregierung ist das vorrangig eine Frage von Kapazität und Souveränität. Für die betroffene Umwelt ist dieselbe Expansion eine Frage von Wasser, Energie und Abwärme. Hier liegt die ethische Dissonanz: Der Machtanspruch wächst in dem Maß, in dem lokale Ressourcen beansprucht werden.

Fragen Sie deshalb nicht nur, wie viel KI-Rechenleistung 2030 verfügbar sein soll. Fragen Sie, wer das Wasser bereitstellt, wer die Abwärme abnimmt und wer die Rechnung bezahlt, wenn beides ausbleibt. Die Bundesregierung kann die Rechenzentren zählen. Die betroffene Umwelt kann nur mit den Folgen zählen.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 4 von 5 Behauptungen belegt
  1. ZAHL Die Bundesregierung will bis 2030 die Rechenzentrumskapazität mindestens verdoppeln.

    „Die Bundesregierung will die Kapazitäten deutscher Rechenzentren deshalb bis 2030 mindestens verdoppeln,“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZAHL KI- und Hochleistungsrechnen sollen vervierfacht werden.

    „die Rechenkapazitäten für KI und Hochleistungsrechnen sogar vervierfachen.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  3. ZAHL In Stuttgart melden drei Rechenzentren zusammen rund 25 Millionen Liter Wasserverbrauch pro Jahr.

    in der Recherche gefunden

  4. ZAHL Von 305 Anlagen mit ausgewiesener Abwärme nutzen laut der Auswertung von CORRECTIV ein Drittel öffentliche Anlagen.

    in der Recherche gefunden

  5. ZAHL Jedes dritte öffentliche Rechenzentrum hat eine ausgewiesene Abwärme.

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

Herangezogene Quellen

1 Quelle · 4 davon belegt · 3 externe Belege · 5 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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