Zucker wird teurer, Nachfrage sinkt: Amerikas Kaufkraft gerät unter Druck
In den Süßwarenregalen amerikanischer Läden herrscht vor Halloween kein Ausverkauf. Die Kunden kommen, prüfen die Preise, rechnen ihre Einkäufe durch und greifen dann zu. Der Handel misst den Zustand der Haushalte: Halloween-Süßigkeiten verzeichneten im Monat bis zum 17. Oktober Umsätze von 6,7 Prozent unter Vorjahresniveau. Bereits Mitte September waren die Erlöse laut NielsenIQ um 11,7 Prozent gefallen; damit waren die vorgezogenen Gewinne der beiden Vorjahre wieder ausgelöscht. Der Halloween-Verkauf hinkt hinter dem Vorjahresniveau hinterher, während Amerikaner mit steigenden Lebenshaltungskosten und hohen Schokoladenpreisen ringen. Höhere Preise haben dem Geschäft einen Schrecken versetzt, der sich nicht mehr bellen lässt.
Ahead of Halloween, the candy aisles in American stores are not selling out. Shoppers arrive, examine the prices, calculate what they can afford and then reach for something. Retailers are using sales as a gauge of household finances: Halloween candy revenues fell 6.7 percent from a year earlier through October 17. As early as mid-September, NielsenIQ reported an 11.7 percent decline, wiping out the early-season sales gains of the previous two years. Halloween sales are trailing last year’s level as Americans grapple with rising living costs and high chocolate prices. Higher prices have chilled sales in a way that can no longer be talked away.
Die Zahlen führen genauer zur Haushaltskasse. Kleine Süßigkeitenbeutel verkauften sich bis Mitte Oktober besser, bei großen und extragroßen Beuteln war der Rückgang am stärksten. Der Kunde verzichtet also nicht vollständig, sondern verteilt seinen knappen Spielraum um. Was bleibt, wird kleiner. Genau diese Bewegung ist das Problem: Der Verlust größerer Packungen zeigt, dass Familien nicht nur auswählen, sondern ihr Ausgabenvolumen reduzieren. Aus Spaß wird Restposten.
Hinter den Preisschildern steht eine globale Rohstoffkrise. Die Kakaobohne erreichte im Januar 2025 einen Rekordwert von 10.710 Dollar je metrischer Tonne. Als Hauptursache gelten das harte Wetter in Westafrika, das 70 Prozent des weltweiten Angebots produziert, sowie Spekulationen an den Kakaofuturen. Die Bohne ist es, die als greifbarer Beweis für einen allgemeinen Preisauftrieb taugt: Was auf dem Weltmarkt teuer wird, erscheint zunächst als paar Cent mehr im Kassenbon und später als größere Rechnung im Haushaltsbudget.
Die Erschöpfung reicht weit über den Süßwarenregal hinaus. Der durchschnittliche Preis für ein Gallone Normalbenzin lag bei 4,29 Dollar, fast 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Chris Costagli, Vizepräsident bei NielsenIQ, nennt deshalb Treibstoff, Wohnen, Kleidung und Lebensmittel als Kosten, die das Halloween-Budget auffressen. Seine Beschreibung trifft den Kern: Man kaufe die Süßigkeiten nicht zwingend nicht, weil der Schokoladenpreis besonders auffällt, sondern weil für so viel anderes bereits so viel mehr gezahlt werden musste. Die logistische Folge lautet: kein Geld, kein Rest.
Die Preisentwicklung bestätigt diese Rechnung. Süßwaren und Kaugummi kosteten laut Regierungsdaten im September 44 Prozent mehr als vor fünf Jahren. Die Preise aller Lebensmittel, die zu Hause gegessen werden, stiegen im selben Zeitraum um 22,5 Prozent. Besonders deutlich wird die Schere bei einem Angebot von Aldi: Ein Mix aus 135 Schokoriegeln kostete 19,87 Dollar, fast denselben Betrag wie ein vergleichbares Paket mit 250 Stück vor fünf Jahren. Fast derselbe Preis, deutlich weniger Stück. Der Kupon an der Kasse ist nicht das eigentliche Opfer; der Wohlstand dahinter ist es.
In den meisten Geschäften leeren sich die Candy-Regale deshalb nicht. Kosteneinige Käufer mustern die Schokoladenpreise und suchen Ausgleiche, wenn sie ihre Listen füllen. Das Ausgabenvolumen bleibt, aber es wird defensiv verteilt. Sogar bei Nichtschokoladenartikeln wie Gummibärchen und Lutschern lag der Durchschnittspreis in den neun Wochen bis zum 17. Oktober bei 6,08 Dollar je Pfund, rund drei Prozent unter Vorjahr. Niedrigere Preise brachten die Nachfrage dennoch nicht zum Leben. Das ist das bemerkenswerteste Detail: Der Kunde wartet nicht länger auf ein Angebot, sondern hat das Ende seiner Möglichkeiten erreicht.
Hier muss die Beweiskette sauber bleiben. Die herangezogene Snopes-Sammlung hat 19 verbreitete Behauptungen über Süßwaren und Schokolade untersucht und jeweils als wahr oder falsch eingeordnet. Sie bestätigt keine Konjunkturthese und ersetzt keine Marktdaten. Als Verifikationsinstrument stärkt sie dennoch das Fundament: Behauptungen werden nicht mit Behauptungen beantwortet, sondern geprüft, belegt oder verworfen. Für die harten Zahlen bleiben NielsenIQ und die herangezogenen Regierungsdaten die maßgeblichen Quellen. Die Kernaussage wird zusätzlich von The Independent und USA Today gestützt. Diese Trennung verhindert, dass aus einem Gerücht eine Wirtschaftsdiagnose wird.
Der Kakaopreis selbst ist zuletzt von seinem Höchststand gefallen. Im März waren es 3.241 Dollar je metrischer Tonne, anschließend zog der Preis im Frühjahr wieder an. Zugleich wird für das El-Niño-Wetter mit heißen, trockenen Bedingungen bis Februar gerechnet. Sogar dort, wo der aktuelle Kakaopreis unter dem Vorjahresniveau liegt, bleibt die Nachfrage gedämpft. Das entlastet den Konsumenten nicht. Es bestätigt, dass neben den Rohstoffen ein zweiter Schaden wirkt: Der Haushalt hat seine Kapazität verloren, auf Preissignale überhaupt noch zu reagieren.
Der Rückgang der Halloween-Umsätze ist deshalb nicht die Geschichte eines/problems mit Süßigkeiten. Er ist das sichtbar gewordene Symptom einer breiteren Einschnürung. Wer bei kleinen Beuteln bleibt, bei großen abwartet und bei Preisen auf Stückzahl achtet, besitzt wenig Spielraum. Das beweist für sich genommen keine Rezession. Es zeigt aber, wie viel Kaufkraft bereits aus den amerikanischen Budgets verschwunden ist. Der Schrecken liegt nicht in einem leeren Regal, sondern in einer vollen Einkaufsliste, deren Rechnung nicht mehr aufgeht.
❖ Ende des Artikels ❖
