Die Affäre altert, ihre Spuren nicht
Fast 300 Gigabyte an Daten legen brisante Interna aus zwölf Jahren AfD offen. Sie enthalten E-Mails, Dokumente, Kontoauszüge und persönliche Details von Spendern und Mitgliedern. In diesem Fund steckt eine Nachricht, die das alte Geflecht der Spendenaffäre um Alice Weidel neu beleuchtet: Eine E-Mail aus dem Jahr 2017, in der die damalige AfD-Spitze konkrete Spenden für ihren Social-Media-Wahlkampf erwartete und selbst festlegte, wie das Geld fließen sollte.
Nearly 300 gigabytes of data have laid bare explosive internal documents from 12 years of AfD history. They include emails, documents, bank statements and personal details about donors and members. At the heart of the trove is a message that casts new light on the long-running web of donation scandals surrounding Alice Weidel: an email from 2017 in which the AfD’s then leadership expected specific donations for its social media election campaign and itself set out how the money was to be distributed.
Damit rückt ein Vorgang in den Mittelpunkt, dessen juristische Verjährung näher rückt. Ende 2027 wären die Vorgänge dazu verjährt. Die Beweislage ist jedoch nicht deshalb abgeschlossen, weil Gesetze eine Frist berechnen. Im Gegenteil: Je näher diese Frist rückt, desto genauer wird der Streit darum, was die vorhandenen Dokumente belegen können.
Die E-Mail stammt aus einer für die AfD entscheidenden Phase. 2017 zog die Partei erstmals in den Landtag von Nordrhein-Westfalen und später erstmals in den Bundestag ein. Bereits seit 2016 war sie von einer millionenschweren externen Werbekampagne mit Plakaten und Gratiszeitungen unterstützt worden. Ein in Deutschland registrierter Verein gab an, die Kampagne verantwortet zu haben. Recherchen legten nahe, dass dieser Verein nur als „Pappkamerad“ diente und die Kampagne von der Schweizer Goal AG aus organisiert wurde.
Nach der Darstellung der AfD handelte es sich nicht um eine Parteispende, weil die Partei über die externen Werbekampagnen weder vorab informiert noch in deren Durchführung eingebunden gewesen sei. Doch über Jahre brachten Recherchen von CORRECTIV, ZDF frontal, dem Spiegel, der ARD, der Süddeutschen Zeitung und der Zeit immer wieder Dokumente mit Unterschriften, Kontoauszügen und Aussagen von AfD-Funktionären ans Licht, die eine Einbindung der Partei nahe legten. Die Partei bestreitet das bis heute.
Die neue E-Mail setzt genau dort an. Sie legt nahe, dass Weidel bereits 2017 nicht nur über die Existenz konkreter Spenden für den Wahlkampf verfügte, sondern auch über deren Verteilung entschied. Das verengt den scheinbar offenen Raum zwischen dem Empfang von Geld und der politischen Verantwortung dafür. Zugleich legen die geleakten Mails nahe, dass Weidel früher von illegalen Schweizer Spenden wusste, als sie behauptet hatte. Damit fällt neues Licht auf jene Versprechen, nach denen Schweizer Gelder weder kontrolliert noch in die Planung der Partei einbezogen gewesen seien.
Die Affäre hatte bereits einen Vorsprung, der sich als sauberer Angriff auf die Erinnerung tarnte: Wer die Vergangenheit in Nebel hüllt, kann die Stimmen der Vergangenheit für fehlende Beweise halten. Nun liegt Papier vor, das sich nicht so leicht vernehmen lässt. In den Mails und Dokumenten finden sich persönliche Details von Spendern und Mitgliedern, daneben Spuren von Zahlungswegen, Zuständigkeiten und Entscheidungen. Solche Daten ersetzen keine Beweisführung. Sie zeigen aber, wo die Beweisführung ansetzen muss.
Das Leak umfasst laut CORRECTIV mehr als 280 Gigabyte und rund 420.000 E-Mails. Die Originaldateien wurden über ein Torrent-Netzwerk zugänglich gemacht; eine separat veröffentlichte Übersicht enthält KI-generierte Zusammenfassungen. Das Material enthält DKIM-Signaturen zur Überprüfung von E-Mails, doch nicht für alle Daten. Gerade deshalb lässt sich die Echtheit einzelner Nachrichten nicht allein aus der Existenz der Datei ableiten.
Die Herkunft der hier entscheidenden E-Mail muss deshalb noch minutiös verifiziert werden, Metadaten und Dateipfade ebenso wie Absender- und Signaturketten. CORRECTIV prüft die Echtheit der Daten, die Berichte von Golem und der ZEIT ordnen die Funde in den größeren Zusammenhang ein. Für eine abschließende rechtliche Bewertung bleibt jedoch die Prüfung des Originals unverzichtbar. Eine einzelne Quelle verlangt Zurückhaltung, nicht Beliebigkeit.
Diese Zurückhaltung mindert die Brisanz der Enthüllung nicht. Sie schärft sie. Denn wenn sich die E-Mail als authentisch erweist, dokumentiert sie nicht lediglich eine einzelne Zusage an Unterstützer. Sie zeigt Weidel in der Rolle derjenigen, die Ressourcen erwartete und deren Verteilung mitbestimmte. Eine politische Organisation, die sich als Betreiberin eines bürgerlich-technokratischen Wahlkampfs präsentiert, erscheint in den Mails weniger von solchen Inszenierungen entfernt, als es die öffentliche Erzählung erlaubte.
Noch lässt sich daraus nicht jede juristische Folge ableiten. Ohne die vollständige Zahlungs- und Kommunikationskette bleibt offen, welche einzelnen Spenden unter welchen Bedingungen flossen, welche Beteiligte Kenntnis trugen und welche Behauptungen jeweils in welchem Kontext fielen. Auch der Begriff „illegal“ bezeichnet hier einen politisch und rechtlich aufzulösenden Vorwurf, nicht das Ergebnis eines Gerichtsverfahrens.
Die Zeit arbeitet gegen die Aufklärung, das Leak arbeitet für sie. Fast 300 Gigabyte über zwölf Jahre konservieren Vorgänge, die Aktenordner, politische Gedächtnisse und selective Erinnerungen bereits geglättet hatten. Verjährung würde einen Abschnitt schließen. Die E-Mail hält fest, dass dieser Abschnitt nicht leer war.
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