Geist ohne Geldbörse
Maurizio Cattelan gilt als einer der interessantesten Künstler der Gegenwart, verzweifelt aber oft an seinen eigenen Ideen. In einem Interview über die Vergänglichkeit seiner Werke sagt er: »Ich kann eigentlich nichts mit meinen Händen erschaffen. Dafür viel mit meinem Geist.« Geist ist hier das Werkzeug des Schaffens, nicht dessen Endgültigkeit. Auch das Werk kann vergehen. Die Lehre für die Wirtschaftspolitik ist unbequem: Eine große Erzählung kann erklären, warum etwas zählt. Bezahlen kann sie den Anspruch nicht.
Maurizio Cattelan is regarded as one of the most interesting artists of our time, but he is often in despair over his own ideas. In an interview about the transience of his work, he said: “I can’t really create anything with my hands. But I can do a great deal with my mind.” The mind, in this case, is a tool of creation, not a guarantee of permanence. Even a work of art can pass away. The lesson for economic policy is uncomfortable: A grand narrative can explain why something matters. It cannot pay for the claim.
Die Asienreise von Bundeskanzler Friedrich Merz ist eine Probe dieser Logik. Nach fünf Tagen war für Friedrich Merz und die mitgereiste Wirtschaftsdelegation am Freitag Schluss. Japan, Singapur und Südkorea standen auf dem Programm, China wurde umflogen. Mitgebracht wurden politische Willensbekundungen, strategische Kooperationen und Bilderstrecken. Konkrete Investitionsprojekte und Summen blieben aus. Für die heimische Industrie lässt sich daraus keine zusätzliche Nachfrage ableiten.
Besonders aufschlussreich war Singapur: Premierminister Lawrence Wong verwies auf langfristig orientierte Investoren und mehr Engagement des Staatsfonds in Deutschland. Projekte nannte er nicht, Beträge ebenfalls nicht. Und dennoch muss man fragen: Macht eine Reise ohne Abstecher nach Peking überhaupt Sinn? Der Beitrag »Auf Asienreise mit dem Kanzler: Viel heiße Luft, nichts Konkretes« erschien zuerst auf Tichys Einblick. Die Delegation kam zurück, belegbare neue Aufträge nicht.
Merz wird als Wirtschaftskanzler präsentiert und will den Binnenmarkt schützen, statt wettbewerbsfähig zu werden. Beides verlangt Unternehmen, Summen und Termine. Ohne belegbare Projekte bleibt die Reise eine Inszenierung. Für die Industrie zählt nicht das Lächeln im Empfang, sondern der Auftrag.
Beim Bahnnetz lässt sich die Lücke zwischen Anspruch und Kasse prüfen. Eine Ausbauzusage ist kein gebauter Kilometer. Es zählt, welcher Abschnitt, mit welcher Summe und bis wann. Ein Bahnhof ohne Verbindung und ein Ausbauvorhaben ohne belastbaren Zeitplan sind Worte mit Bauzeichnungen, keine Infrastruktur. Mehr Bahn zu versprechen heißt, die Lücke zwischen Papier und Gleis zu schließen. Sonst bleibt der Fortschritt eine höfliche Form von Verspätung.
Beim Wasserstoff wird die Lücke teurer. Thyssenkrupp Steel Europe erhält zwei Milliarden Euro Subventionen von Bund und Land für eine 145 Meter hohe Direktreduktionsanlage in Duisburg. Sie soll die klimaschädlichen Hochöfen ersetzen und Roheisen nicht mit Koks und Kohle, sondern mit klimafrei erzeugtem Wasserstoff gewinnen. Das soll die Nachfrage nach grünem Wasserstoff ankurbeln und die Stahlproduktion dekarbonisieren, also die Klimabelastung senken. So weit die Theorie.
Die Rechnung kommt trotzdem. Der Standort wird viel länger als geplant mit Erdgas laufen. Bis die Anlage genug Wasserstoff liefert, muss die Nachfrage erst hergestellt werden: zwei Milliarden Euro öffentlichen Geldes gegen eine Anlage, deren Käufer noch überzeugt werden müssen. Das ist kein Beweis für einen Fehlschlag, aber eine offene Rechnung. Für Haushalte ohne Rücklage ist dieser Betrag keine Fußnote. Wenn Zinsen auf Kredite laufen, wird Warten zur persönlichen Belastung.
Cattelans Verzweiflung liefert eine Warnung: Nicht jede Idee hält ihrem Urheber stand. Der Nachruf »Ein freier Geist: Zum Tod des Schriftstellers Joseph von Westphalen, dem anarchistischen Grafen und großen Revolutions-Schwärmer« erinnert an den anderen Umgang mit Ideen. Westphalens Freisinn war ein Anspruch, keine fertige Rechnung. Auch große politische Erzählungen mögen faszinieren. Zählen müssen sie an dem, was sie ermöglichen, verhindern oder verschieben.
Die Verbindung ist einfach. Ob Kunst oder Wirtschaftspolitik: Der Anspruch auf »Geist« verpufft dort, wo niemand Kosten, Fristen und Folgen benennt. Für die Schiene braucht es Abschnitt, Summe und Zeitplan. Für den Stahl gesicherte Käufer für grünen Wasserstoff trotz weiterem Erdgasbetrieb. Für die Asienreise die noch nicht genannten Projekte und Beträge. Der Unterschied zwischen einer guten Idee und einem brauchbaren Ergebnis ist keine Formulierung. Er steht auf einer Rechnung.
Ein Kunstwerk darf vergehen. Eine Zusage sollte daran nicht scheitern, dass sie groß klingt. Sie sollte scheitern, wenn das Geld fehlt, der Bau beginnt und die Nachfrage ausbleibt. Sonst wird aus dem Geist heiße Luft, und aus der heißen Luft am Ende eine höhere Rechnung. Cattelans Hände schaffen nichts. Seine Ideen tragen nur, wenn jemand die Konsequenzen mitträgt. Die Kasse prüft das genauer als jedes Redemanuskript.
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