TALANKINS KINO DER LÜGEN – EIN MANN GEGEN PUTINS SCHATTEN
Der Film kommt. Nicht im Kino. Nicht auf der Leinwand, die die Kremlpropaganda sonst mit ihren Helden füllt. Sondern in den Köpfen derer, die noch glauben, Russland sei mehr als eine Mischung aus Öl, Gewehrlärm und der Angst, dass der Nachbar dich verrät, wenn du zu laut lachst. Pawel Talankin, der Nobody aus dem Exil, der jetzt mit einem Oscar-Gewinn spielt wie ein Mann, der weiß, dass er eigentlich nur ein Pappkamerad in einem Spiel ist, das er nicht auskennt.
Talankin, der vor Jahren fliehen musste, weil er zu viel wusste oder zu wenig – je nachdem, wie man es dreht. Jetzt sitzt er in Berlin, trinkt Wodka, der schmeckt wie billiger Schnaps, und dreht einen Film über Russland. Nicht über die Paläste der Oligarchen, nicht über die Schlachten in der Ukraine, sondern über die Lügen, die das System am Laufen halten. Sein Film heißt „Der letzte Brief des Iwan Iljitsch“ – ein Zitat aus Tolstoi, weil Tolstoi wusste, dass die Wahrheit wie ein Messer ist: sie schneidet. Und der Kreml hasst Messer.
Die Presseagenturen flüstern schon, dass der Film ein Skandal wird. Dass er Putin als den zeigen könnte, den er ist: einen Mann, der sich in jedem Spiegel anders sieht, je nachdem, ob er gerade ein Interview gibt oder einen General befördert. Talankin sagt, er habe Nachrichten erhalten, „voller Unterstützung“. Andere triefen vor Hass. Das ist kein Wunder. Ein Film über Russland, der nicht mit Flaggen schwärmt, sondern mit Leichen in den Archiven, ist wie ein Messer in der Suppe des Systems.
Die Frage ist nicht, ob der Film kommt. Die Frage ist, ob er ankommt. Ob er die richtigen Leute erreicht – die, die noch nicht wissen, dass die Wahrheit in Russland ein Luxusgut ist, den sich nur diejenigen leisten können, die nicht mehr zu fürchten haben. Oder ob er wie so viele andere Stimmen im Exil verhallt, verschluckt von den Propagandamaschinen, die seit 1917 lügen wie ihre Chefs.
Talankin ist kein Held. Er ist ein Mann, der weiß, dass er verloren hat, bevor er anfing. Aber er hat einen Film gemacht. Und das ist mehr, als die meisten tun. Mehr als die Generäle, die in verrosteten Antonows abgestürzt sind. Mehr als die Hacker, die in russischen Serverkellern sitzen und deutsche Konten knacken wie Touristen Souvenirs. Mehr als die Lügen, die jeden Tag neu erfunden werden, damit die Macht weiterregiert.
Am Ende wird der Film vielleicht nur ein Funke sein in der Dunkelheit. Aber Funken können Brände entfachen. Und in Russland, wo die Wahrheit seit Jahrhunderten verbrannt wird, ist jeder Funke ein Aufstand.