Hundert Milliarden, drei Nationen, null Ergebnis
1937. Jemand bestellt Stahl. Das bedeutet immer dasselbe. Heute, 2025, bestellt jemand einen Kampfjet. Es bedeutet: nichts.
Drei Länder. Zwei Flugzeuge, die ersetzt werden sollen. Eine Vision, getauft auf den Namen „strategische Autonomie". Und am Ende? Der F-35 aus Fort Worth, Texas.
Lassen Sie mich das aufschlüsseln.
FCAS – Future Combat Air System. Das war einmal der Name für das größte europäische Rüstungsvorhaben, das je beschlossen wurde. Über hundert Milliarden Euro. Ein Kampfflugzeug der nächsten Generation, bewaffnete und unbewaffnete Drohnen, ein Datenverbund, eine Cloud, die alles vernetzt. Klingt nach dem, was jeder Generalstab sich wünscht, wenn er nachts wach liegt und an das denkt, was übermorgen kommt.
Sollte 2040 fliegen. Sollte den Rafale ablösen, der von französischen Flugzeugträgern startet und nukleare Sprengköpfe tragen kann. Sollte den Eurofighter ersetzen, der bei der Bundeswehr langsam in die Jahre kommt und vor allem eines kann: da sein, wenn er gebraucht wird.
Nun ist es Geschichte.
Die Gründe sind so europäisch, dass man fast lachen müsste, wenn nicht Hunderte Millionen Euro bereits verplant wären. Frankreich braucht ein Flugzeug, das nuklearwaffentauglich ist und von Trägern aus eingesetzt werden kann. Deutschland braucht beides nicht. Das ist kein Designproblem. Das ist ein strategischer Graben, der sich durch jede Verhandlung, durch jede Sitzung, durch jede Pressekonferenz zieht.
Dazu: Wer baut was? Der französische Dassault-Konzern, an der Spitze Eric Trappier, ein Mann, der nach Lesart der Schweizer Kollegen „provozierend selbstbewusst" auftritt. Auf der anderen Seite Airbus Deutschland, der europäische Champion der Luftfahrt – solange Souveränität nicht auf dem Spiel steht. Es ging um geistiges Eigentum. Es ging um Aufträge. Es ging um Arbeitsplätze. Es ging, und das ist der eigentliche Punkt, um nationale Macht.
Ich habe in zwei Kriegen gesehen, was passiert, wenn Industrie und Strategie nicht zusammenarbeiten. Ich habe auch gesehen, was passiert, wenn sie es tun. Was die Süddeutsche und der SRF nun dokumentieren, ist weder das eine noch das andere. Es ist das Dritte: ein Programm, das an seinem eigenen Gewicht erstickt ist.
Macron hat bis zuletzt versucht zu retten, was nicht mehr zu retten war. Merz hat den Schnitt gemacht. Berlin ist „fast froh", dass dieses Kapitel zu Ende ist. Paris ist „leicht pikiert". Das sind die Kategorien der Diplomatie. In der Realität heißt das: Die Werke in Toulouse und Manching werden umplanen, die Ingenieure werden umgruppiert, und Lockheed Martin in Texas darf sich freuen.
Letzteres ist die Pointe, über die niemand laut spricht.
Europa wollte unabhängiger werden von den Vereinigten Staaten. Das war der ganze Sinn. Macrons Rede 2017 in der Sorbonne – erinnern Sie sich? „Souverän, geeint, demokratisch." Davon war FCAS der wichtigste Baustein. Nun, da der Baustein fehlt, kauft man halt F-35. Trump hin oder her. Die Logik bleibt.
Ich sage das ohne Häme. Ich habe Stahl bestellt, ich habe Stahl verbaut, ich habe gesehen, was mit Stahl passiert, der nicht verbaut wird. Er rostet in Hallen, in denen er hätte fliegen sollen.
Drohnen sollen weitergebaut werden. Die Cloud soll weiterentwickelt werden. Das klingt nach „Restwert". Klingt nach „wir haben ja noch was". Klingt nach einem Flugzeugwrack, aus dem man die noch funktionierenden Instrumente ausbaut, während der Rumpf am Boden bleibt. Spanien war mit im Boot, der dritte Partner. Auch das ist still beerdigt worden.
Wissen Sie, was das eigentlich ist? Das ist die Normalform europäischer Rüstungspolitik. Man kündigt Großes an, verwaltet das Scheitern, und nennt das Ergebnis am Ende „Fortschritt". Die Achter-Allianz deutscher Firmen, die jetzt einen Neustart versucht, ist das nächste Kapitel im selben Buch.
Hundert Milliarden, die nicht verbaut werden. Arbeitsplätze, die nicht entstehen. Eine Fähigkeitslücke, die 2040 noch klaffen wird, wenn Rafale und Eurofighter ihren Dienst tun – oder eben nicht mehr tun können. Und am Ende: ein Kontinent, der seine Drohnen in Dallas kauft, weil er seinen eigenen Jet nicht bauen konnte.
Die Lehre aus FCAS ist nicht, dass Europa nicht kann. Die Lehre ist, dass Europa nicht will. Nicht will, was es sich selbst vorgesprochen hat. Nicht will, was die Geographie ihm aufgibt. Nicht will, was die nächste Krise verlangen wird.
Der nächste Stahl wird bestellt. Das bedeutet immer dasselbe. Aber wer ihn bestellt – das ist die Frage, die dieser Kontinent seit dreißig Jahren nicht beantwortet.