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Zermürbung im Schneckentempo – Ukraine zwischen Granaten und Gegenoffensive

10. Juni 2026 — — Morrison, over and out.

Die Karten ändern sich jede Woche. Und was darauf steht, ist meistens schon wieder wertlos, wenn der Druck trocken ist. So war das immer. So war das in den Schützengräben von Verdun, so war das in den Ruinen von Stalingrad, so war das in den Tunneln von Khe Sanh. Wer die Linie von gestern als die Linie von morgen verkauft, verkauft Stoff für Albträume.

Evelyn singt unten im Café etwas von einem Mann, der nach Hause kommt. Wird er nicht. Die wenigsten kommen noch.

Schauen wir auf die Ukraine. Genauer: auf das, was zwischen den Bulletins passiert. Die offiziellen Meldungen lesen sich wie Telegramme aus dem letzten Jahrhundert – Durchbrüche hier, Rückzüge dort, eine Handvoll Dörfer, ein Verband, der sich neu formiert. Was nicht drinsteht, ist das, was zählt. Die Stille zwischen den Granaten. Das Warten auf Munition, die nicht kommt. Die Augenringe eines Stabs, der weiß, dass die nächste Woche entscheidend sein könnte, aber nicht weiß, in welche Richtung.

Russland spielt seine Karten aus. Die Überlegenheit in der Luft, die Artillerie, die Mühlen der Produktion tief im Hinterland – das sind die Werkzeuge der Zermürbung. Keine spektakulären Durchbrüche, keine kühnen Manöver. Einfach der stetige, monotone Druck, der den Feind mürbe macht. Wie ein Schraubstock, der sich eine Umdrehung nach der anderen zuzieht. Die Gegenoffensiven der Ukrainer? Sie kosten Blut, sie kosten Material, sie kosten den letzten Rest an Munition, der noch in den Depots liegt. Jeder Frontabschnitt, an dem sie Druck machen, ist ein Abschnitt, an dem sie verwundbar sind. Und verwundbare Fronten sterben leise.

Und hier beginnt das Spiel, das man nicht sieht. Die Söldner – die Männer, die für Geld sterben, aus Ländern, die offiziell nichts mit dem Krieg zu tun haben wollen. Sie füllen Lücken, die die regulären Armeen nicht mehr füllen können. Sie sind das Fleisch, das die Mühlen am Laufen hält. Niemand fragt nach ihren Namen. Niemand zählt ihre Leichen. Sie tauchen auf, sie sterben, sie werden vergessen. Einige kämpfen aus Überzeugung. Die meisten aus Verzweiflung. Beides läuft auf dasselbe hinaus.

Die Logistik. Hier liegt der wahre Engpass, hier trennt sich der Krieg der Reden vom Krieg der Tatsachen. Die westliche Hilfe fließt – mal mehr, mal weniger, mal als Versprechen, mal als Lieferung, mal als Lieferung mit halbem Inhalt. Waffen, die zu spät kommen. Waffen, die in der falschen Konfiguration ankommen. Ausbildungsdefizite, die niemand zugeben will. Ein Panzer ohne Ersatzteile ist ein Stück Schrott, das einmal ein Vermögen gekostet hat. Eine Drohne ohne funktionierende Datenverbindung ist Spielzeug für die Zielscheiben der anderen Seite.

Die Bevölkerung. Hier wird es dunkel. Nicht im Sinn von Finsternis – obwohl, die gibt es auch –, sondern dunkel im Sinn von Müdigkeit, die sich in die Knochen frisst. Die Männer an der Front fragen sich, wofür. Die Frauen in den Bunkern fragen sich, wann. Die Alten in den Dörfern fragen sich, ob überhaupt noch jemand an sie denkt. Propaganda arbeitet hart, auf beiden Seiten. Aber Propaganda sättigt nicht. Sie wärmt nicht. Sie bezahlt keine Rechnungen und füllt keine Schränke.

Ich habe mit Männern gesprochen, die ich nicht nennen darf. Männer, die an Knotenpunkten sitzen, wo Informationen zusammenlaufen. Was sie sagen, klingt ähnlich. Die Front ist nicht verloren, sagen sie. Aber die Front ist auch nicht gewonnen. Es ist ein Krieg, der sich selbst frisst. Ein Krieg, der in einem Patt enden könnte, das niemand will – oder in einer Eskalation, die niemand kontrollieren kann. Beide Optionen sind schlecht. Die Frage ist nur, wie schlecht.

Jede Woche, sagen sie mir, könnte die Wendung bringen. Die eine Offensive, die durchbricht. Die eine Lieferung, die kommt. Die eine Entscheidung in einem Hauptquartier, die das Blatt wendet. Aber die Wochen vergehen, und die Linien bleiben, wo sie sind. Verschieben sich um ein paar hundert Meter hier, um einen verlorenen Vorort dort. Die Summe dieser Verschiebungen ist kein Sieg. Die Summe dieser Verschiebungen ist ein langsames Sterben auf Raten.

Was bleibt? Die Fabrik, die zu wenig produziert. Der Soldat, der zu wenig schläft. Die Mutter, die zu viel weint. Der Reporter, der zu viel weiß und zu wenig schreiben darf, weil die Wahrheit gefährlich ist und die Halbwahrheit gut bezahlt wird.

Evelyn singt jetzt etwas anderes. Ich höre nicht mehr hin. Ich trinke meinen Bourbon. Morgen früh wird die nächste Meldung kommen, und sie wird aussehen wie die gestrige. Und ich werde sie schreiben, weil das mein Job ist. Weil jemand es tun muss.

Weil die Geschichte sonst nur von den Siegern erzählt wird. Und hier gibt es noch keine Sieger.

✦ Ende des Artikels ✦
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