Biometrische Identifizierung und digitale Ausweispflicht
Heute ist wieder ein Tag, an dem die Welt sich fragt, ob sie noch atmen soll. Die Nazis haben gestern Abend in der Reichskanzlei eine „Pressekonferenz“ veranstaltet – als ob man mit Pressemitteilungen einen Krieg gewinnen könnte. Die Herren in den dunklen Anzügen, die aussahen, als hätten sie gerade einen Kaffee getrunken und beschlossen, die Welt zu retten, verkündeten, dass „die Judenfrage“ nun „endgültig“ gelöst werde. Endgültig. Als ob es so etwas wie endgültig gäbe. Als ob man eine Frage lösen könnte, indem man sie einfach ignoriert und die Leute, die sie stellen, in die Wälder schickt. Die Presse war natürlich anwesend – nicht, um zu fragen, sondern um zu notieren, wie man es in den nächsten Nummern als „Fortschritt“ verkaufen kann. Einer der Reporter, ein junger Kerl mit einem Notizbuch, das aussah, als hätte er es aus einem Schulheft zusammengeklebt, fragte nach „Zahlen“. Die Antwort kam prompt: „Es wird geordnet.“ Geordnet. Als ob man eine Schlägerei ordnen könnte, indem man die Schlägerei selbst anheuert.
Ich habe heute Morgen den alten Schmidt getroffen, der vor dem „Börsen-Courier“ die Zeitung ausbreitet wie ein Gebet. „Morrison“, sagte er und spuckte auf den Boden, „die Leute lesen das Zeug und glauben, es wäre ein Märchen.“ Er hatte recht. Die Leute glauben, dass sie in einer Zeit leben, in der man noch etwas glauben kann. Sie glauben, dass die Straßenlaternen noch brennen werden, wenn sie morgen aufwachen. Sie glauben, dass ihre Kinder nicht in den Fabriken enden werden wie die Kinder der Römer in den Gladiatorenschulen – nur mit weniger Sand und mehr Gift. Schmidt hat eine Zigarette angezündet, obwohl er seit dem letzten Lungenentzündungsschub nicht mehr rauchen darf. „Die Geschichte“, sagte er, „ist immer dieselbe. Die Römer haben ihre Christen verbrannt. Die Spanier ihre Hexen. Die Amerikaner ihre Indianer. Und jetzt? Jetzt verbrennen wir die, die uns nicht passen.“ Er hat den Rauch ausgehaucht, als wäre es eine Antwort.
Draußen, am Alexanderplatz, steht ein Mann mit einem Megafon und ruft etwas über „Volksgemeinschaft“. Die Menge lacht oder nickt, je nachdem, ob er gerade einen Witz macht oder eine Drohung. Ein Kind hält ihm eine Blume hin. Der Mann nimmt sie, wirft sie weg und sagt: „Das ist kein Blumenstrauß, das ist ein Geschenk an das Vaterland.“ Das Vaterland. Als ob das Vaterland etwas anderes wäre als ein großer, fauler Hund, der sich im Schlamm wälzt und heult. Die Leute stehen da und lächeln. Sie lächeln, weil sie Angst haben. Sie lächeln, weil sie denken, Lachen sei eine Art Widerstand. Aber Lachen ist nur ein letzter Atemzug vor dem Ertrinken.
In der Redaktion liegt ein Brief auf meinem Schreibtisch. Keine Adresse, nur ein Stempel: „Berlin, 1937“. Der Brief ist vergilbt, als hätte er schon ein Leben gelebt. Er stammt von einer Frau namens Clara Weber, die vor drei Jahren nach Palästina auswanderte. Sie schreibt, dass sie „die Luft dort atmet, die nicht nach Verbrennung schmeckt“. Verbrennung. Das ist das neue Aroma dieser Stadt. Man riecht es in den Straßen, wenn die SA durchzieht, man riecht es in den Fabriken, wo die Arbeiter ihre Lungen für ein paar Pfennige verkaufen, man riecht es sogar in den Cafés, wenn die Kellner den Aschenbecher leeren und die Asche sich mit dem Kaffee vermischt. Clara schreibt, dass sie manchmal nachts aufwacht und hört, wie die Hunde heulen. In Berlin heulen die Hunde nicht nachts. Sie heulen tagsüber. Sie heulen, wenn die Kinder um die Ecke biegen und die Uniformierten ihnen die Taschen leeren. Sie heulen, wenn die Frauen weinen, aber nicht laut genug. Sie heulen, weil sie wissen, dass Heulen hier keine Antwort ist.
Ich habe heute Nachmittag mit einem alten Kollegen aus dem letzten Krieg gesprochen. Er war bei der Reichswehr, hat in Polen gedient, als es noch Polen gab. „Weißt du, Morrison“, sagte er, „die Polen haben uns gesagt, wir sollten nicht kommen. Sie haben gesagt, es sei ein Putsch. Ein kleiner Putsch.“ Er hat gelacht, aber es war kein fröhliches Lachen. „Und jetzt? Jetzt ist es ein Krieg. Ein großer Krieg. Und wir stehen da und fragen uns, warum.“ Er hat eine Flasche Bier geleert, als wäre es ein Glas Wasser. „Die Geschichte“, sagte er, „ist wie ein schlechter Film. Man weiß von Anfang an, wie es endet. Aber man schaut trotzdem zu.“
Draußen regnet es immer noch. Die Straßenlaternen flackern, als würden sie sterben. Irgendwo spielt ein Akkordeon. Es ist ein trauriges Lied, das von einer Liebe handelt, die nicht mehr möglich ist. Die Liebe ist nicht mehr möglich. Nicht hier. Nicht jetzt. Die Liebe ist zu teuer geworden. Sie kostet zu viel Blut, zu viele Tränen, zu viele Lügen.
Ich habe gerade eine Tasse Kaffee getrunken. Er schmeckte nach Rauch und Verzweiflung. Die Sekretärin hat mir eine Zigarette gegeben. Ich habe sie angezündet und den Rauch in die Luft gejagt, als wäre es ein Gebet. Irgendwo in dieser Stadt, hinter einem Vorhang aus Lügen und Rauch, atmet jemand noch. Irgendwo singt jemand noch. Irgendwo lebt jemand noch. Aber es ist schwer zu sagen, ob es sich lohnt.