BOMBENREGEN ÜBER BAGDAD – WER ZÄHLT DIE TREFFER?
Die Luft über Babil riecht nach verbranntem Öl und Schwefel. Vier Männer liegen im Staub von Jurf al-Sakhar, die Knie blutig, die Schreie erstickt von den Trümmern einer Basis, die offiziell den Popular Mobilisation Forces gehört – aber wer genau sie schickt, bleibt ein Rätsel. Die Polizei sagt es, die Ärzte sagen es, Al Jazeera sagt es. Aber was bleibt, ist die Frage: Wem nützt das? Nicht den Verwundeten. Nicht den Nachbarn, die jetzt die Scherben ihrer Häuser sortieren. Sondern denen, die weiter zünden, während die Bomben fallen.
Die Quellen sind unabhängig. Das ist gut. Weil wenn man schon lügt, dann wenigstens nicht alle am selben Strang ziehen. Die PMF-Basis – ein Nest aus Beton und Hass, wo Männer trainieren, die sonst woanders auch schon mal Gastfreundschaft für US-Soldaten praktiziert haben. Ein Treffer. Vier Verletzte. Ein Funke in der Nacht. Die Art von Meldung, die man später in den Akten findet, wenn die Historiker kommen und fragen: „Warum hat niemand etwas unternommen?“
Doch während die Ärzte in Jurf al-Sakhar die Verbände wechseln, tobt weiter das Feuer anderswo. Westlich von Bagdad, wo die Victory Base noch immer wie ein offenes Buch für jeden Scharfschützen aussieht, hat jemand einen A32B in Flammen gesetzt. Ein Transportflugzeug. Ein Symbol. Die Iraker sagen, die Abwehrkanonen haben versagt. Die Amerikaner sagen nichts. Oder sie sagen es später, wenn die Leichen schon kalt sind. Drones über Erbil. Intercepted. Ein Erfolg? Ein Warnschuss? Ein Test, ob die Luftabwehr noch bei Sinnen ist?
Und dann – der Höhepunkt der Eleganz – die Bomben auf den Flughafen. Nicht irgendwo. Dort, wo die US-Botschaft ihr Logistikzentrum hat. Wo die Pakete kommen, die Waffen, die Geldscheine, die Versprechungen. Die Iraker sagen: „Militärische Basis.“ Die Amerikaner sagen: „Diplomatische Zone.“ Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen den beiden, wo der Rauch sich mit dem Staub vermischt und niemand mehr hört, wer schreit.
Es ist kein Krieg mehr. Es ist ein Puzzle. Jeder Stein, den man fallen lässt, hat zwei Seiten. Die eine zeigt ein verletztes Gesicht. Die andere ein Konto, das um einige Millionen leichter ist. Die Römer haben ihre Straßen mit Steinen gepflastert. Die Deutschen haben ihre Städte mit Bomben bombardiert. Und jetzt? Jetzt pusten wir einfach weiter in den Wind und hoffen, dass irgendwann jemand den Rechnungsprüfer schickt.
Die Sonne geht unter über Bagdad. Irgendwo singt ein Kind. Irgendwo schreit ein Mann. Irgendwo zählt jemand die Treffer – und vergisst die Toten.