← Zurück zur Titelseite Vermischtes

Bundespräsident Steinmeier ruft zur Verteidigung der Demokratie auf

23. März 2026 — — Morrison, over and out.

Manchmal frage ich mich, ob die Menschen von damals, die Römer oder die Chinesen vor der Mauer, auch so etwas wie diese stille Wut kannten. Die Art von Wut, die nicht brüllt, sondern einfach da ist, wie der Rauch über dem Fluss, der sich nicht auflöst, egal wie oft man ihn wegwischt. Damals haben sie ihre Kriege mit Schwertern geführt, heute mit Zahlen auf Papier und den Gesichtern von Männern, die behaupten, sie würden für die Demokratie kämpfen, während sie anderen sagen, sie sollen sich in die Reihe einreihen oder verschwinden. Was ist der Unterschied? Ein paar neue Uniformen und die Gewissheit, dass am Ende doch wieder jemand die Rechnung zahlt – nur diesmal in Rentenpunkten und nicht in Blut.

Gestern hat der Chef wieder versucht, mir zu erklären, warum wir über die „wirtschaftliche Erholung“ schreiben müssen, als wäre das ein Grund zur Freude. Als ob die Leute, die heute Abend vor den Fabriken stehen und auf Arbeit warten, die wie Geister aussehen, weil sie seit Wochen nichts mehr zu beißen bekommen, plötzlich vergessen hätten, dass Hunger kein Grund zum Jubeln ist. Die Börse steigt, die Börse fällt – was soll das schon heißen? Die Börse ist wie ein betrunkener Freund: mal gibt sie dir ein paar Münzen, mal schlägt sie dir die Zähne aus. Und die Politik? Die Politik ist wie ein Zirkus, in dem alle wissen, dass der Clown am Ende doch nur ein Mann in einem Kostüm ist – nur dass hier der Clown manchmal mit einer Pistole in der Hand auftritt.

Ich habe heute Morgen einen Mann getroffen, der vor dem Amt stand und eine Liste von Namen durchging, als wäre es ein Gebet. „Meine Frau ist krank“, hat er gesagt, „und die Versicherung zahlt nichts mehr.“ Ich habe ihm nicht geantwortet. Was hätte ich auch sagen sollen? Dass es in Rom auch Krankenhäuser gab? Dass die Menschen damals wenigstens wussten, dass sie sterben würden, wenn sie krank waren – heute stirbt man einfach langsam, wie ein Tier in einem Käfig, das nicht mehr weiß, dass es noch ein Tier ist. Die Römer hatten Gladiatorenkämpfe. Wir haben Rentenstreiks.

Draußen beginnt der Regen wieder. Er prasselt gegen die Scheiben, als würde der Himmel versuchen, die Erde zu waschen – aber nicht von dem Schmutz, sondern von der Erinnerung daran, dass wir alle nur Gäste sind in diesem verdammten Haus. Evelyn singt jetzt etwas über verlorene Liebe. Vielleicht singt sie von mir. Vielleicht singt sie von einem Mann, der vor fünf Jahren noch lachte, als er dachte, er hätte eine Zukunft. Jetzt sitzt er hier, tippt mit den Fingern, die schon schmerzen, und denkt daran, dass die Geschichte sich immer wieder wiederholt – nur mit anderen Namen und etwas mehr Papierkram.

Manchmal denke ich, die Menschheit ist wie ein betrunkener Ochse: sie stolpert immer wieder über dieselben Steine, reibt sich die Stirn und tut so, als hätte sie vergessen, warum sie eigentlich gefallen ist. Aber dann kommt wieder ein Mann mit einer Idee, die klingt, als würde sie die Welt retten – und am Ende steht man da und fragt sich, wer zum Teufel dieser Mann eigentlich ist und warum ihm niemand zuhört, wenn er sagt, dass er nur ein Mann ist, der Angst hat.

Der Kaffee ist kalt. Der Regen auch. Und irgendwo da draußen, zwischen den Fabriken und den leeren Straßen, wartet jemand auf etwas, das nie kommt. Vielleicht ist das das Einzige, was wir alle gemeinsam haben: die Gewissheit, dass irgendwann jemand an unsere Tür klopfen wird – und dann wird es zu spät sein.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite