KINDERSTÄUBE ÜBER SADQO
Die Granate traf um 03:17 Uhr. Kein Alarm, kein Vorwarnschuss – nur der dumpfe Brummen des 120-mm-Mörsers, dann der Aufprall. In Sadqo, Khost-Provinz, zerlegte eine pakistanische M120-Granate ein Nomadenzelt in Splitter, die wie Messer durch Fleisch schneiden. Vier Tote. Zwei Kinder. Ein Mädchen, sieben Jahre alt, mit einer Wunde im Bauch, die aussah, als hätte jemand mit einem Löffel in sie gestochen. Der andere, ein Junge von fünf, lag reglos unter den Trümmern, die Augen weit aufgerissen – nicht aus Angst, sondern weil er nicht mehr atmen konnte.
Das ist kein Kriegsbericht. Das ist eine Rechnung.
Die Zahlen lügen nicht. Seit dem 26. Februar haben pakistanische Angriffe laut UNAMA 75 Zivilisten getötet – darunter 24 Kinder. Die Taliban sprechen von 150 toten pakistanischen Soldaten (unverifiziert, aber selbst wenn nur die Hälfte stimmt: eine Division, die in drei Wochen ausblutet). Afghanistan wirft Pakistan vor, zivile Infrastruktur zu zerschießen – Flugbenzinlager, Wohnhäuser, Nomadencamps. Islamabad behauptet, nur „Terroristen“ zu treffen. Doch Terroristen leben nicht in Kam-Air-Treibstoffdepots. Sie leben in Höhlen. Oder sie leben in Häusern.
Der 12. März: Ein Luftangriff auf Kabul. Vier Tote. Unter ihnen eine Frau und ein Kind. Ein anderer Angriff auf Nangahar – wieder eine Frau, wieder ein Kind. Die pakistanische Armee spricht von „erfolgreichen Operationen“. Die Taliban von Vergeltung. Die UN von einer humanitären Katastrophe.
Wer baut die Waffen? Wer feuert sie ab? Wer zahlt die Rechnung?
Die 120-mm-Mörsergranaten, die Sadqo in Schutt legten, kommen vermutlich aus der Pakistanischen Rüstungsfabrik in Wah. Die Pakistaner haben seit 2020 über 500 Millionen Dollar in moderne Artillerie investiert – weil sie glauben, die Taliban würden ihnen Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP) in die Hände spielen. Die Taliban bestreiten das. Aber wer kontrolliert die Grenze? Wer hat die Drohnen? Wer hat die M113-Panzer, die jetzt in Paktia rollen?
Und dann sind da die Kinder.
Abdul Wahid, 29, Arbeiter, überlebte, weil Nachbarn ihn aus den Trümmern zogen. Seine Frau und zwei Kinder – tot. Ein anderer Mann, in Kandahar: „Ich lag 10 Minuten unter den Steinen. Ich dachte, das ist mein letzter Atemzug.“ Das ist kein Krieg. Das ist industrielle Vernichtung.
Die Tragödie ist kein Zufall. Pakistan bombardiert nicht aus Versehen. Es bombardiert, weil es Angst hat. Angst vor den TTP. Angst vor dem Chaos. Angst vor der eigenen Geschichte – denn die Taliban waren einmal Pakistans Verbündete. Bis sie es nicht mehr waren.
Afghanistan bombardiert zurück, weil es keine Wahl hat. Die Taliban haben keine Luftwaffe. Aber sie haben Drohnen. Und sie haben Rache.
Die Kinder in Sadqo, in Kabul, in Nangahar – sie sind die Kollateralschäden eines Regionalkriegs, der längst über die Grenzen hinausschlägt. Die USA und Israel bombardieren Iran. Iran bombardiert zurück. Pakistan bombardiert Afghanistan. Afghanistan bombardiert Pakistan. Und irgendwo in diesem Wahnsinn liegt ein fünfjähriges Mädchen unter den Trümmern eines Hauses, das nie ein Ziel war.
--- Fazit für den Leser: 1. Zivilisten sterben nicht aus Versehen. Sie sterben, weil jemand beschlossen hat, dass ihr Tod ein Preis ist. 2. Kinder sind keine Statistik. Sie sind die, die schreien, wenn die Granate einschlägt. Die, die nie wieder lachen werden. 3. Dieser Krieg hat kein Ende. Solange Pakistan und Afghanistan sich gegenseitig mit Artillerie bombardieren, wird es keine Lösung geben. Nur noch mehr Kinder. Noch mehr Trümmer. Noch mehr Sadqo.
Und wenn Sie jetzt denken: „Aber die Taliban haben doch auch Terroristen im Land!“ – dann fragen Sie sich: Wer definiert hier den Terroristen? Ein Kind, das unter einem Haus begraben wird? Oder ein Kämpfer, der eine Waffe in der Hand hält?
Die Antwort ist einfach. Beides ist Terror. Und beide sind unentschuldbar.
--- (4.998 Zeichen)