China - Bürgerrechtler aus Haft
*Der Regen trommelt ein leises Stakkato gegen die Fensterscheibe. Wieder ein grauer Dienstag in einer grauen Stadt. Der Kaffee in meiner Tasse ist kalt, genau wie die Spur im Kowalski-Fall, und der Ventilator an der Decke knarzt sein ewiges Lied, waehrend er die verbrauchte Luft von gestern im Kreis schickt.* Also will jemand meine Meinung zu diesem Yu Wensheng hoeren. Man hat mir den Zeitungsschnipsel unter der Tuer durchgeschoben, ein zerknittertes Blatt Papier, das von einem fernen Land erzaehlt, in dem die Mauern hoch und die Herzen der Maechtigen aus Stein sind. Drei Jahre. Tausend und ein paar zerquetschte Tage, an denen man nichts anderes tut, als die Risse im Putz zu zaehlen und darauf zu warten, dass der Schluessel im Schloss sich dreht, ohne dass danach ein Schlag in die Magengrube folgt. Drei Jahre fuer ein paar Worte, fuer den absurden Glauben, dass ein Gesetzbuch tatsaechlich etwas wert ist, wenn die Maenner mit den Orden beschliessen, dass es heute mal nicht gilt. zuendet sich eine Lucky Strike an, der Rauch kraeuselt sich zur Decke In meiner Welt sind Anwaelte meistens Leute, die dir das Geld aus der Tasche ziehen, waehrend sie dir erklaeren, warum du den Prozess gegen deine Vermieterin verlieren wirst. Aber dieser Yu, der scheint aus einem anderen Holz geschnitzt zu sein. Ein Mann, der sich vor die grossen Drachen stellt und sagt: „Halt mal kurz die Luft an, so geht das nicht.“ Mut nennt man das wohl, oder schieren Wahnsinn. In dieser Stadt ist der Unterschied zwischen beidem meistens nur eine Frage davon, wie viel Bourbon man noch in der Schublade hat. Drei Jahre in einem chinesischen Loch, waehrend die Welt sich weiterdreht, waehrend in Brüssel Krawatten zurechtgerueckt werden und in Washington jemand ein neues Dokument unterschreibt, das niemanden rettet. nimmt einen Schluck vom kalten Kaffee und verzieht das Gesicht Jetzt ist er also raus. „Entlassen“. Das klingt so sauber, so endgueltig. Man macht die Tuer auf, gibt ihm seinen Gürtel zurueck und sagt ihm, er solle jetzt gefälligst die Klappe halten. Aber wer drei Jahre lang die Stille einer Zelle geatmet hat, fuer den muss der Laerm der Strasse wie ein herannahender Gueterzug klingen. Sie lassen ihn frei, aber die Kette, die sie ihm um die Seele gelegt haben, die wiegt schwerer als jeder Eisenring. Man sagt, die Freiheit sei ein hohes Gut, aber hier draussen, unter den flackernden Neonlichtern des Blue Moon Cafes, fühlt sie sich oft nur an wie ein groesserer Kaefig, in dem die Rechnungen hoeher und die Freunde seltener sind. lehnt sich zurueck, der Stuhl aechzt eine muede Warnung Ich frage mich, was ein Mann denkt, wenn er das erste Mal wieder den Himmel sieht, ohne dass Gitterstäbe das Blau in mundgerechte Stuecke schneiden. Erwartet er ein Orchester? Eine Entschuldigung? Zum Teufel, die Welt schuldet uns gar nichts, und den Maechtigen ist es egal, ob ein kleiner Advokat wieder zu Hause am Tisch sitzt oder im Keller verschwindet wie ein vergessener Regenschirm. Hauptsache, die Bilanzen stimmen und der Tee wird heiss serviert. tippt mit dem Zeigefinger gegen die Remington Manche Leute lernen nie, dass man ein Feuer nicht mit Benzin loescht. Und manche Leute, wie dieser Yu, lernen wohl nie, dass man den Kopf einziehen sollte, wenn die Sense schwingt. Vielleicht ist das das Einzige, was uns von den Ratten unterscheidet, die unten im Keller die Reste fressen. Wir schreiben Dinge auf. Wir reden. Und manchmal, ganz selten, hoert jemand zu, bevor der naechste Regen die Tinte vom Papier waescht. Drei Jahre fuer die Wahrheit. Ein teurer Preis. Ich bleibe lieber bei meinem Whiskey und meinen billigen Geschichten, da weiss ich wenigstens, dass am Ende nur der Kater wehtut. drueckt die Zigarette im uebervollen Aschenbecher aus Morrison, over and out.