CORRECTIV wirft die Faktencheck-Tasche hin
Die Republik hat gerade einen ihrer letzten Wächter verloren. Nicht mit einem Schuss, nicht mit einem Messer, sondern mit dieser stillen, aber tödlichen Art von Verrat, die man Strategie nennt. CORRECTIV, das Kind der Aufklärung im Zeitalter der Lügenmaschinen, hat sich aus dem internationalen Netzwerk der Faktenchecker verabschiedet. Kein Drama, keine Tränen – nur ein kurzes Statement, als würde man eine kaputte Uhr in den Schrank stellen und sagen: „Die Zeit ist vorbei.“
Es ist, als hätte man in der Redaktion die letzte funktionierende Schreibmaschine eingeschmolzen, um daraus eine neue, glänzende, aber stumme Maschine zu gießen. Die Römer hatten ihre Acta Diurna, die Aufkleber an den Laternen, die die Bürger über Kriege und Kornpreise informierten. Heute kleben wir unsere Wahrheiten in ein System, das sie schneller zerfetzt als ein betrunkener Legionär sein Schild. Und jetzt? Jetzt zieht einer der wenigen, die noch mit dem Hammer der Wahrheit auf die Lügen einschlugen, die Hand zurück.
Warum? Die Gründe sind so klar wie der Himmel über Berlin an einem Tag, an dem die Luft so schwer ist, dass sie nach verbranntem Papier schmeckt. Geld. Personal. Der Markt. Die großen Player – Google, Facebook, die Algorithmen, die uns sagen, was wir denken sollen – haben längst beschlossen, dass Faktenchecks ein lästiges Beiwerk sind. Ein Kostenfaktor. Ein Hinderungsgrund für die wahre Wirtschaft: die Wirtschaft der Aufmerksamkeit. CORRECTIV, das einst stolz war wie ein Journalist im Jahr Null der Demokratie, muss sich fragen, ob es sich leisten kann, noch länger gegen den Strom zu schwimmen. Die Antwort ist nein. Also schwimmt es mit.
Die Folgen? Deutschland verliert ein Stück seiner Souveränität. Nicht im Sinne von Kanonen und Grenzen, sondern im Sinne von Glaubwürdigkeit. Die Menschen werden nicht klüger. Sie werden nur noch schneller. Und wenn die Faktenchecker verschwinden, bleibt nur noch das, was immer übrig bleibt: die halbe Wahrheit, die sich wie ein schlechter Whisky im Glas verzieht – je länger man sie hält, desto mehr riecht sie nach nichts.
Es war nicht immer so. In den 90ern, als das Internet noch ein Spielzeug für Nerds war, da gab es noch den Glauben, dass Information eine Waffe gegen die Lüge sein könnte. Heute ist Information selbst zur Waffe geworden – und die Lüge hat die besseren Munitionsdepots. CORRECTIV hat also nicht einfach aufgegeben. Es hat nur erkannt, dass der Krieg schon lange vorbei ist. Die Frage ist nur: Wer wird jetzt die Leichen zählen? Nicht die Journalisten. Die zählen nie. Die zählen nur, wie viele von ihnen noch übrig sind.