Cum-Ex: Erträge bei Bankier Olearius müssen neu geprüft werden
Heute ist wieder so ein Tag, an dem man sich fragt, ob die Geschichte überhaupt eine Richtung hat oder ob sie sich einfach nur im Kreis dreht – wie die Räder der U-Bahn, die seit gestern Abend wieder streikt, weil die Arbeiter, die sie reparieren sollen, entweder betrunken sind oder schon längst in den Fabriken verschwunden sind, um dort für einen Pfennig mehr zu schuften, als sie für Brot und Seife brauchen. Die Depression war ein gnädiger Gastgeber im Vergleich zu dem, was jetzt kommt. Damals wenigstens wusste man, dass man arm war, aber man hatte noch die Illusion, dass irgendwann mal wieder etwas normal sein würde. Heute weiß man nur noch, dass „normal“ ein Wort ist, das die Mächtigen benutzen, um zu sagen: „Es könnte schlimmer sein.“ Und es wird schlimmer. Immer.
Die Regierung redet von „Stabilität“, während irgendwo in Berlin die SA wieder einmal durch die Straßen marschiert und die Leute anbrüllt wie die Legionäre des Kaisers, die einst die Gallier vertrieben haben – nur dass die Gallier wenigstens noch ein bisschen Widerstand geleistet haben. Die Menschen hier in der Stadt tun so, als würden sie nichts sehen. Sie kaufen ihre Zeitungen, in denen steht, dass alles im Griff ist, und trinken ihren Kaffee, als wäre das Leben ein langes, gemütliches Gespräch über das Wetter. Dabei ist das Wetter nur ein weiterer Betrüger. Es regnet nicht auf die Probleme, es spült sie nur unter den Teppich, wo sie faulen und stinken.
Gestern ist ein Mann in den Rhein gesprungen. Nicht weil er nicht mehr konnte, sondern weil er nicht mehr wollte. Die Zeitungen haben es auf eine halbe Spalte reduziert: „Selbstmord in der Innenstadt.“ Kein Wort darüber, dass er vorher noch eine Flasche Whisky bestellt hat, die er nicht trinken konnte, weil er keine Hände mehr hatte, die nicht zitterten. Kein Wort darüber, dass seine Frau seit Wochen nicht mehr mit ihm gesprochen hat, weil sie wusste, dass er jeden Morgen die Zeitung aufschlug und dann einfach nur noch stumm in die Ecke starrte. Die Römer hätten ihn vielleicht als „verrückt“ bezeichnet. Die Menschen von heute nennen es „depressiv“. Beide Begriffe sind nur Etiketten, um das Unerträgliche in etwas zu verpacken, das man wenigstens benennen kann.
Und dann ist da noch dieser verdammte Krieg in Spanien. Die einen kämpfen für Franco, die anderen für die Republik, und die meisten von ihnen wissen nicht einmal, warum. Es ist wie bei den alten Feldzügen: Die einen sagen, sie kämpfen für Gott und Vaterland, die anderen für Freiheit und Fortschritt, und am Ende liegt nur noch Schutt, und die Sieger stehen da und fragen sich, ob sie wirklich gewonnen haben. Die Spanier kämpfen mit Gewehren, die aus dem Ersten Weltkrieg stammen, und mit einer Entschlossenheit, die an die letzten Tage der Römer erinnert, als sie sich in den Ruinen Roms verschanzten und wussten, dass alles vorbei war. Vielleicht ist das der Punkt: Irgendwann merkt man, dass man nicht mehr kämpft, sondern nur noch ausharrt. Und das Ausharren ist die eigentliche Niederlage.
Draußen hört der Regen auf. Nicht, weil das Wetter es will, sondern weil es nichts mehr zu geben hat. Die Straßen glänzen jetzt wie frisch geölte Schienen, und die Menschen eilen vorbei, als wären sie auf dem Weg zu einem anderen Ort, einem Ort, an dem es noch Hoffnung gibt. Vielleicht ist das die größte Lüge von allen: dass es irgendwo noch einen Ort gibt, an dem man nicht frieren muss, nicht hungern muss, nicht zusehen muss, wie die Welt um einen herum in Flammen aufgeht. Vielleicht ist das der einzige Trost, den wir haben – die Vorstellung, dass es irgendwo weitergeht. Auch wenn es nur eine Vorstellung ist.
Ich tippe weiter. Die Schreibmaschine stottert. Irgendwo in der Ferne heult eine Sirene. Nicht wegen eines Bombenalarms – die gibt es hier nicht mehr seit ’14 –, sondern weil irgendwo ein Lastwagen die Kurve zu schnell genommen hat und jetzt gegen einen Laternenpfahl prallt. Die Polizei wird kommen. Die Reporter werden kommen. Sie werden Fotos machen und Zitate sammeln und dann schreiben, wie „tragisch“ es war. Und morgen wird die Welt weitergehen. Wie immer.
Die Bourbon in der Schublade ist noch da. Ich nehme einen Schluck. Er schmeckt nach verbrannten Versprechungen und altem Holz. Irgendwann wird auch das vorbei sein. Irgendwann.