← Zurück zur Titelseite Gesellschaft

Dahiyeh brennt. Die Camps ersticken.

22. April 2026 — — — M. Silber

Dalal Dawali sitzt auf dem staubigen Boden eines Leerstands in Beddawi, die Hände um eine Tasse kaltem Tee geklammert. Ihre Augen sind nicht mehr die eines Mädchens, das 1948 mit ihrer Mutter floh. Sie sind die eines Menschen, der weiß: Flucht ist kein Ende, sondern ein Kreislauf. Vor drei Wochen noch lebte sie in Dahiyeh, einem der am dichtesten besiedelten Viertel Beiruts. Dort, wo die Bomben der israelischen Luftangriffe die Mauern der Häuser durchschlugen wie Papier. Dort, wo die Nachbarn sich gegenseitig deckten, wenn die Sirenen heulten. Jetzt ist alles weg. Die Küche. Das Bett der Tochter. Der Geruch von frischem Brot, den ihre Mutter immer backte.

Beddawi ist kein Zuhause. Es ist ein Notlager. Ein Ort, an dem 70.000 Menschen – Palästinenser, die seit Generationen vertrieben wurden – auf engstem Raum leben, während der Libanon sie offiziell nicht als Bürger akzeptiert. Die UNRWA spricht von „humanitären Katastrophen“, aber das ist eine Untertreibung. Es ist eine langsame, systematische Auslöschung. Die libanesische Regierung hat die Camps seit Jahren unter Druck gesetzt: Steuern auf Grundstücke, die niemand besitzt. Zwangsräumungen für „staatliche Projekte“. Und jetzt, nach den Angriffen auf Dahiyeh, wird die Angst greifbar. Die UN warnt vor einer neuen Welle der Verdrängung. Nicht mit Panzern, sondern mit Bürokratie.

Dalal erzählt, wie sie mit ihren Kindern durch die Trümmer lief, während die Nachbarn ihr zuraumten: „Geht nach Akkar. Vielleicht gibt es dort noch Platz.“ Akkar ist 150 Kilometer entfernt. Eine Reise, die unter normalen Umständen drei Stunden dauert – wenn die Straßen nicht von Demonstrationen blockiert sind. Wenn die libanesische Armee nicht plötzlich Kontrollen einführt. Wenn die palästinensische Gemeinschaft nicht schon dort ist und die letzten Ressourcen aufbraucht. In Beddawi teilen sich Familien Hütten aus Plastik und Blech. Das Wasser kommt aus Zisternen, die oft verunreinigt sind. Die Kinder spielen in Schlamm, während die Mütter überlegen, wie sie die nächste Mahlzeit bezahlen.

Die offizielle Politik des Libanon gegenüber den palästinensischen Flüchtlingen ist seit Jahrzehnten eine der Abschottung. Seit 1948, als die ersten Vertriebenen kamen, hat das Land ihnen keine Staatsbürgerschaft gegeben. Keine Arbeitserlaubnis für die meisten. Keine Landrechte. Die Camps sind zu Gefängnissen geworden – nicht mit Mauern, sondern mit Paragrafen. Artikel 29 der libanesischen Verfassung besagt, dass Palästinenser keine Eigentumsrechte haben. Praktisch bedeutet das: Wenn ein Camp „zur Entwicklung“ erklärt wird, gibt es keine Klage. Wenn ein Grundstück „für den Staat“ benötigt wird, gibt es keine Entschädigung. Wenn eine Familie ihr Zuhause verliert, gibt es kein Recht auf Rückkehr.

Doch jetzt, nach den Angriffen auf Dahiyeh, wird die Situation noch prekärer. Die libanesische Regierung nutzt die Krise, um Druck auszuüben. Offiziell geht es um „Sicherheit“. Unoffiziell geht es darum, die Camps zu leeren. Die UNRWA spricht von „struktureller Diskriminierung“, aber das ist ein Euphemismus. Es ist eine Strategie. Die Camps sind überfüllt, die Ressourcen knapp. Wenn die Regierung jetzt sagt, sie könne die Situation nicht mehr tragen, dann meint sie: Wir tragen sie nicht. Nicht heute. Nicht morgen. Nicht in fünf Jahren.

Dalal zeigt auf die Risse in der Wand ihres neuen „Zuhauses“. „Sie sagen, wir sollen gehen. Aber wohin?“, fragt sie. Die Antwort gibt es nicht. Die palästinensische Diaspora ist seit 1948 eine Generationenfrage. Jeder, der heute in Beddawi lebt, hat Eltern oder Großeltern, die vor 80 Jahren vertrieben wurden. Die Enkel werden vielleicht in Jordanien oder Syrien landen. Oder in Europa. Oder sie werden weiter hier bleiben – in der Illegalität, in der Unsicherheit, in der ständigen Angst vor dem nächsten Bombenangriff oder der nächsten Räumung.

Die internationale Gemeinschaft redet von „humanitärer Hilfe“. Doch Hilfe ist kein Ersatz für Rechte. Hilfe ist kein Ersatz für Würde. Die palästinensischen Flüchtlinge im Libanon sind nicht eine „Last“, wie einige libanesische Politiker sie nennen. Sie sind Menschen. Mit Namen. Mit Geschichten. Mit Kindern, die nicht wissen, was ein sicheres Zuhause ist. Die UNRWA warnt vor einer „humanitären Katastrophe“. Doch das ist mehr als das. Es ist eine moralische Bankrotterklärung.

Dalal blickt auf die Straße, wo eine Gruppe älterer Männer um ein Radio versammelt ist. Sie hören Nachrichten. Vielleicht von den Kämpfen in Gaza. Vielleicht von den neuen Plänen der Regierung. Vielleicht von etwas ganz anderem. Sie wissen, dass sie nicht mehr lange bleiben können. Dass irgendwann die nächste Bombe fallen wird. Oder die nächste Räumung kommen wird.

Und dann? Dann wird es wieder eine neue Generation geben, die flieht. Wieder.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite