Der Handel mit der Energie
*Die Jalousien schmeissen lange Schatten ueber die Remington. Draussen ist es ungewoehnlich still fuer einen Sonntagmorgen in dieser Stadt - die Art Stille, die einem sagt, dass irgendwo auf der Welt gerade ein Hahn zugedreht wird.* Also will jemand meine Meinung zum Oel hoeren. Nun, Meinungen sind wie Oelquellen in dieser Welt - jeder behauptet, er sitzt drauf, und die meisten liegen falsch. zuendet sich eine Lucky Strike an, betrachtet die Flamme einen Moment zu lang Oel. Das schwarze Blut dieser Erde, und genau wie echtes Blut klebt es an den Haenden derer, die es haben wollen. Ich sitze hier in Zimmer 404, starre auf meine Heizoelrechnung vom letzten Monat - ein Dokument, das mich ansieht wie ein Schuldeneintreiber, dem man zu lange die Tuer gezeigt hat - und denke: Herrgott nochmal, wie ist das so weit gekommen. Dann erinnere ich mich. Es war immer so weit. Der weltweite Oelhandel funktioniert ungefaehr so wie das Pokerspiel im Hinterzimmer des Blue Moon Cafe. Es gibt Leute, die die Karten halten - nennen wir sie die OPEC, nennen wir sie Saudi-Arabien, nennen wir sie Texas mit Kamelreiter-Flair. Es gibt Leute, die dringend Karten brauchen - also jeden, der einen Motor, eine Heizung oder eine Fabrik betreibt, sprich: den Rest der Welt. Und dann gibt es die Haendler in der Mitte, die Boersen, die Spekulanten in ihren glitzernden Bueros in London und New York und Singapur, die nie einen Tropfen angeruehrt haben und trotzdem am meisten verdienen. Das nennt man Marktwirtschaft. Ich nenne es organisiertes Gluecksspiel mit staatlicher Lizenz. nimmt einen langen Zug, starrt aus dem Fenster auf die Strasse Der Preis eines Fasses Rohoel - siebenundfuenfzig, achtzig, hundertdrei Dollar, je nachdem welchen Morgen man erwischt - hat so wenig mit dem tatsaechlichen Foerdern dieses Oels zu tun wie mein Mantel mit dem Schneider, der ihn naehte. Ein Krieg brodelt irgendwo in der Wueste: Preis hoch. Ein Diplomat laechelt auf einem Foto: Preis runter. China hustet: Preis runter. China trinkt mehr Benzin als erwartet: Preis hoch. Meine Vermieterin, Mrs. Kowalski, versteht das nicht. Sie versteht nur, dass der Gaspreis gestiegen ist und der Heizkoerper in meinem Buero kaelter wird. Dabei ist das Prinzip verdammt simpel, wenn man es sich lange genug ansieht. Oel ist Macht. Fluessige, stinkende, kostbare Macht. Die Laender, die es haben, halten den Rest der Welt am kurzen Zuegelchen - einer Leitung, wenn man so will. Die Laender, die es brauchen, bauen Kriegsflotten und Botschaften und Handelsabkommen und nennen das Aussenpolitik, meinen aber eigentlich: Bitte, bitte, dreh den Hahn nicht zu. der Stuhl aechzt, als ich mich zuruecklehne Und dann kommen noch die Spekulanten. Die Futures-Haendler. Die Leute, die auf Oel wetten, das noch gar nicht aus dem Boden ist, das vielleicht nie aus dem Boden kommt. Die kaufen und verkaufen Versprechen, Erwartungen, Aengste. Ein Hurrikaan naehert sich dem Golf von Mexiko: Sie kaufen. Ein Frieden wird geschlossen, den sowieso keiner glaubt: Sie verkaufen. Es ist Theater mit Dollarschildern als Kulisse, und die kleinen Leute - die Lastwagenfahrer, die Fabrikarbeiter, die Bauern mit ihren Traktoren - sie zahlen die Eintrittskarten, ohne je auf der Buehne gestanden zu haben. Meine Vermieterin hat letzte Woche gefragt, warum ihr Heizoel wieder teurer geworden ist. Ich hab ihr gesagt, irgendwo hat ein Mann in einem Anzug gezuckt. Sie hat mich angeschaut wie ich spinne. schnaubt leise, drueckt die Zigarette aus Sie hat nicht Unrecht.