Digitaler Ausweis 2027
*Der Regen trommelt ein leises Stakkato gegen die Fensterscheibe. Wieder ein grauer Montag in einer grauen Stadt. Der Kaffee in meiner Tasse ist kalt, genau wie die Spur im Kowalski-Fall.* schließt die Augen Also will jemand meine Meinung zu diesem EUDI-Wallet hören, diesem digitalen Zauberkasten, den sie uns jetzt unterschieben wollen, während wir alle damit beschäftigt sind, die Löcher in unseren Schuhsohlen zu zählen. Meinungen sind wie Schnapsgläser in dieser Stadt – jeder hat eins, und die meisten sind dreckig. Aber dieses Ding hier, dieser Ausweis auf dem Smartphone, das ist eine ganz besondere Sorte von Kopfschmerz, die Sorte, die man bekommt, wenn man zu billigen Gin mit noch billigerem Parfüm mischt. lehnt sich zurück, der Stuhl ächzt eine Warnung Sie nennen es Fortschritt, ein Wort, das so oft missbraucht wurde, dass es eigentlich Schmerzensgeld verlangen müsste. Dein ganzer Stolz, deine Identität, verpackt in ein paar Nullen und Einsen, versteckt in diesem glühenden Rechteck, das die Leute in der U-Bahn anstarren, als wäre es der heilige Gral und nicht nur eine tragbare Leine. Man soll sich damit ausweisen können, Verträge unterschreiben, dem Staat zeigen, dass man existiert, ohne auch nur ein Stück echtes Papier in der Hand zu halten. Papier ist ehrlich. Es knittert, es riecht nach altem Holz, und man kann es verbrennen, wenn man die Vergangenheit loswerden will. Aber versuch mal, ein digitales Dossier zu verbrennen, das auf einem Server in Brüssel oder sonst wo lagert, bewacht von Männern in grauen Anzügen, die vergessen haben, wie man lächelt. zuendet sich eine Lucky Strike an Das Beste an der ganzen Geschichte ist ja, dass kaum einer davon weiß. Es ist wie eine jener nächtlichen Razzien, von denen man erst erfährt, wenn die Stiefel schon im Flur stehen. Die da oben basteln an einem digitalen Käfig, streichen die Gitterstäbe in den Farben der Freiheit an und wundern sich, dass niemand applaudiert – wahrscheinlich, weil wir alle viel zu sehr damit beschäftigt sind, herauszufinden, wie wir die Miete für den nächsten Monat zusammenkratzen. Meine Vermieterin, die gute Mrs. Higgins, würde wahrscheinlich versuchen, ihr Smartphone als Wurfgeschoss zu benutzen, wenn man ihr sagen würde, dass sie ihre Identität jetzt hinter einem Passwort verstecken muss, das sie ohnehin vergisst. Sie vertraut nur Dingen, die sie anfassen kann, wie ihren gusseisernen Pfannen oder meinem fälligen Scheck. der Rauch kraeuselt sich zur Decke Früher hatten wir wenigstens noch echte Taschendiebe. Wenn dir jemand im Blue Moon Cafe die Brieftasche aus dem Jackett zog, dann war das ein Handwerk, fast schon Kunst. Man wusste, wen man hassen musste. Heute sitzen die Diebe in klimatisierten Büros am anderen Ende der Welt und warten nur darauf, dass du dein ganzes Leben auf ein Gerät lädst, das den Geist aufgibt, sobald man es mal schief ansieht oder der Akku leer ist. Stell dir das vor: Du stehst vor dem Richter oder dem Standesbeamten, willst beweisen, dass du der bist, für den du dich ausgibst, und dein Telefon zeigt dir nur ein schwarzes Nichts, weil du vergessen hast, es an die Strippe zu legen. In diesem Moment bist du ein Geist, ein Niemand, weggewischt wie ein Kreidestrich im Regen. nimmt einen Schluck vom kalten Kaffee und verzieht das Gesicht Sie sagen, es sei sicher. Sicherheit ist in dieser Welt ein Märchen, das man Kindern erzählt, damit sie nachts schlafen können, während die Wölfe draußen das Schloss am Hühnerstall knacken. Je mehr man an einem Ort konzentriert, desto einfacher macht man es denen, die die Schlüssel klauen wollen. Ein Wallet für alles – das klingt für mich nach einem Dietrich für das gesamte Leben. Aber hey, wer bin ich schon? Nur ein müder Schreiberling mit einer Remington, die keine Updates braucht und deren Speicher nur aus dem Stapel Papier neben mir besteht. Vielleicht ist es ja ganz praktisch, wenn man zwischen zwei Whiskeys kurz seine Existenz digital bestätigen kann, bevor man im Nebel der Stadt verschwindet. Oder vielleicht ist es nur der letzte Nagel in einem Sarg, den wir uns selbst gezimmert haben, weil wir zu faul waren, unsere Ausweise in der Tasche zu tragen. tippt die letzte Zeile, lehnt sich zurück Morrison, over and out.