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Duisburg: Ehemaliger Chefarzt der Jugendpsychiatrie wegen Missbrauchs angeklagt

21. März 2026 — — — Prof. Kessler

Die Anklage selbst ist präzise formuliert, aber das ist kein Trost. Sie spricht von „missbräuchlicher Behandlung“, von „psychischer Manipulation“ und von „Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht“. Die Details sind noch nicht öffentlich, aber die Anklagebehörde hat genug Material, um zu behaupten, dass Dr. H. über Jahre hinweg eine Macht ausgeübt hat, die weit über die Grenzen der Heilung hinausging. Die Jugendlichen, die damals hier waren – viele von ihnen mit Störungen, die schwer zu behandeln sind, mit Familien, die sie nicht wollten, mit Systemen, die sie nicht verstanden –, sie sollen nicht nur Medikamente bekommen haben. Sie sollen auch etwas anderes erhalten haben: eine Art „Therapie“, die mehr mit Kontrolle zu tun hatte als mit Heilung. Das ist kein Einzelfall. Es ist ein Muster. Und Muster haben die unangenehme Eigenschaft, sich zu wiederholen.

Die Einrichtung selbst reagiert wie ein Schiff, das langsam, aber sicher in einen Sturm gerät. Die offizielle Stellungnahme ist höflich, distanziert, fast ein bisschen erleichtert, als hätte man endlich einen Sündenbock. „Wir nehmen die Vorwürfe ernst“, heißt es in einer Pressemitteilung, „und arbeiten mit den Behörden zusammen.“ Doch wer genau hinschaut, sieht die Risse. Die Mitarbeiter, die nicht direkt betroffen sind, flüstern hinter vorgehaltener Hand von „interne Untersuchungen“, die schon vor Jahren hätten kommen müssen. Die Eltern der ehemaligen Patienten, die sich jetzt melden, berichten von „Schuldzuschreibungen“ und „unverständlichen Behandlungen“. Und dann ist da noch die Frage: Warum hat niemand früher etwas gesagt? Warum hat das System, das so viel über „Transparenz“ redet, so lange geschwiegen?

Die Behörden? Sie tun so, als wäre dies eine Frage der Justiz und nicht der Institution. Die Gesundheitsämter, die Aufsichtsräte, die Ethikkommissionen – sie alle haben ihre Hände in Unschuld. „Wir haben keine Hinweise auf systematische Missstände“, sagt ein Beamter, der nicht genannt werden will. Doch wer genau hinschaut, sieht die Lücken. Die Akten, die nicht mehr vollständig sind. Die Patientenverläufe, die plötzlich verschwinden. Die Mitarbeiter, die nach „Wechsel“ bitten, ohne zu erklären, warum. Das System funktioniert nicht, weil es fair ist. Es funktioniert, weil es nicht nachfragt. Weil es sich selbst vertraut. Weil es denkt, dass ein weißer Kittel und ein paar Unterschriften ausreichen, um alles zu legitimieren.

Und dann ist da noch die Frage nach der Verantwortung. Dr. H. steht vor Gericht. Aber wer hat ihn dort hingebracht? Wer hat ihm die Tür geöffnet, als er vor Jahren kam? Wer hat ihm die Freiheit gegeben, zu tun, was er wollte? Die Jugendpsychiatrie ist kein Ort der Barmherzigkeit. Sie ist ein Ort der Kontrolle. Und Kontrolle erfordert immer jemanden, der kontrolliert wird. Die Frage ist nicht, ob Dr. H. schuldig ist. Die Frage ist, warum das System es ihm erlaubt hat, so lange zu tun, was er wollte. Warum es die Warnsignale ignoriert hat. Warum es jetzt, da der Skandal da ist, so schnell tut, als hätte es nie gewusst, was vor sich ging.

Die letzten Worte gehören den Opfern. Oder den Eltern. Oder den Mitarbeitern, die es gewagt haben, etwas zu sagen. Sie sagen, dass es nicht nur um einen Mann geht. Es geht um ein System, das Jugendliche als Projektionsfläche für die eigenen Versagen nutzt. Ein System, das Heilung verspricht, aber Kontrolle liefert. Ein System, das sich selbst für unantastbar hält, weil es sich auf die Autorität der Wissenschaft beruft. Doch die Wissenschaft ist kein Schutzschild. Sie ist ein Werkzeug. Und wie jedes Werkzeug kann es sowohl heilen als auch verletzen.

Also: Wie lange noch, bevor das nächste Mal jemand aufschreit? Und wer wird dann die nächste Akte schließen, ohne zu fragen, was wirklich passiert ist?

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