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Staub im Osten, Glanz im Westen

10. Juni 2026 — — — M. Silber

Der Koffer unter meinem Schreibtisch ist klein. Schwarz, abgewetzt, immer gepackt. Für alle Fälle. Ich bin Marta Silber, ich schreibe für die Terminal Tribune, und ich sage Ihnen: Europa redet über Migration, als wäre sie eine Welle, eine Strömung, ein Problem mit Schubzahl. Niemand redet darüber, warum die Welle überhaupt entsteht. Niemand redet über den Staub.

Beginnen wir im Osten. Genauer: in Zentralasien. Der Nordaralsee ist heute der einzige verbliebene Teil des Aralsees, der einmal ein Binnenmeer war. Jetzt ist er eine Wunde. Kasachstan versucht, ihn zu retten. Gezielte Maßnahmen, Dämme, Kanäle. Ich lese die Berichte, ich kenne die Sprache: „Erfolg", „Fortschritt", „Maßnahmen greifen". Aber ohne langfristige Garantien. Ohne die Zusicherung, dass das, was morgen kommt, den Plan nicht zunichtemacht. Das ist die Sprache der Paragrafen, die ich ausfülle für Menschen, die keiner haben will.

Parallel dazu ersticken die Hauptstädte. Bischkek, Astana, Taschkent. Kirgisistan, Kasachstan, Usbekistan. IQAir, eine Schweizer Firma mit Sitz in der Schweiz, stuft die Luftqualität in diesen Hauptstädten regelmäßig als „sehr ungesund" oder „gefährlich" ein. Das sind keine Schlagzeilen. Das sind Atemzüge. Es ist die Luft, die Kinder einatmen, die keine Lobby haben.

Ich denke an Leyla. Sieben Jahre, aufgewachsen am Rand von Bischkek. Ich habe sie nicht getroffen, aber ich kenne den Typ. Den Typ Kind, das aufwächst mit einer Lunge, die für diese Luft nicht gemacht ist. Eine Kollegin hat mir erzählt, Leyla habe einmal gesagt, der Himmel sei „ein bisschen grau wie immer". Das ist der Satz, der in keinem Bericht steht. Der gehört in keinen Paragrafen. Aber er ist der wahre Befund.

Nun nach Westen. In die Schweiz. Russland importiert – trotz Sanktionen – weiterhin russisches Gold in die Schweiz, das nach der Verarbeitung als „schweizerisches" Gold vermarktet wird. Ich sage es, wie es ist: Das ist Geldwäsche mit Schleifstein und Punze. Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht FINMA? Sie schweigt oder verweist auf Schweizer Zollstatistiken, die nur über Drittplattformen wie Bloomberg zitiert werden. Agenturverdacht. Wer prüft eigentlich die Prüfer?

Während das Gold seine Nationalität wechselt, wandert Produktion. Roche, Novartis, Ypsomed – drei Schweizer Vorzeigefirmen, die Teile ihrer Produktion in den US-Bundesstaat North Carolina verlagert haben. Sie haben dort Standorte. Der Gouverneur von North Carolina, dessen Name mir egal ist, weil es immer dieselbe Sorte Mann ist, strebt weitere Ansiedlungen an. Er lächelt in Kameras. Er spricht von Arbeitsplätzen. Er sagt nicht, was mit den Standorten passiert, die zurückbleiben. In Zentralasien lächelt niemand. In Zentralasien hustet man.

Ich sehe die Paragrafen. Ich sehe die Formulare. Ich sehe die Familien, die ich in Wien beraten habe, die auseinandergerissen wurden an Grenzen, weil ein Stempel fehlte, weil eine Akte zu lang dauerte, weil die Luft in Bischkek grau war und die Lunge der Kinder nicht zählte in den Berechnungen derer, die über Migration entscheiden.

Die Schweiz verkauft sich als sauber. IQAir – das saubere Messinstrument, das die Luft in Zentralasien misst und damit seine eigene Neutralität verkauft. Gold, das in Schweizer Werkstätten seinen Charakter verliert. Pharma, die ihre Produktion verlagert, während die Patente und die Gewinne in der Schweiz bleiben. Zentralasien bleibt das Opfer, das keine langfristigen Lösungen bekommt – nicht von Kasachstan selbst, nicht von den Nachbarn, nicht von den Partnern, die sich in Hongkong-Partnerschaften tummeln, deren Wirksamkeit ein blinder Fleck bleibt. Wer hier aufklären will, muss lokale Journalisten lesen. Kazakhstan Today. Fergana.ag. Dort gibt es Whistleblower-Hinweise, die in westlichen Medien fehlen.

Dazwischen – die Desinformation. Wenn Solarflares durch die Nachrichten geistern, wenn Gullydeckel in Städten zu leuchten beginnen, wenn Correctiv vor Gerüchten warnt, dann sehen wir, wozu Menschen fähig sind, wenn das Unbekannte sie ängstigt. Es ist die kollektive Panik vor dem, was wir nicht benennen können. Aber das, was wir nicht benennen können, ist nicht der Gullydeckel. Es ist die doppelte Krise, die längst stattfindet: hier der Staub, dort der Glanz. Beides produziert Migration. Beides wird kaum thematisiert.

Lokal und global. Umweltkatastrophe und Vermögensverschiebung. Das sind die Treiber für neue Migrationsströme, über die niemand spricht. Niemand außer denen, die sie am Formularschalter sehen. Und ich.

Ich schaue auf den Koffer. Er ist klein. Schwarz. Er ist für den Fall, dass morgen eine Familie vor mir sitzt, die nicht mehr atmen kann. Die nicht mehr bleiben kann. Die fragt: Wohin?

Die Überschrift war einfach. Staub im Osten, Glanz im Westen. Sie passt in zweiunddreißig Zeichen. Sie passt in keine Schlagzeile einer Tagesschau. Sie passt nur in den Koffer. Und in das, was wir nicht mehr ignorieren dürfen.

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