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Tyros in Trümmern, Kuba im Dunkel, Manila im Beben

11. Juni 2026 — — Morrison, over and out.

Der Rauch hängt über dem Mittelmeer wie ein schmutziges Tuch, und irgendwo in dieser Redaktion riecht es nach verbranntem Papier und schlechtem Bourbon. Drei Geschichten, die keine sein sollten, weil sie zusammengehören. Aber die Redaktionen der Welt trennen sie, weil getrennte Geschichten sich besser verkaufen als das Muster dahinter. Also reiße ich die Fäden selbst.

Tyros. Die Phönizier haben hier gehandelt, Alexander hat hier gehaust, die Kreuzfahrer haben hier gemordet, und jetzt schlägt die israelische Luftwaffe erneut zu. Acht Tote, sagt man. Acht. Das ist die Zahl, die durch die Drähte rauscht, bevor die ersten Trümmer aus den Lüftkanälen der Pressestellen gefegt sind. Israel ruft die Einwohner zur Flucht auf. Flucht wohin? Nach Süden, wo die Grenzen dicht sind? Ins Meer, wo die Boote fehlen? Kirchenvertreter schlagen Alarm, weil die Altstadt von Tyros ein Weltkulturerbe ist, Schicht um Schicht aus drei Jahrtausenden, und Bomben kennen keine Archäologie. Sie machen alles dem Erdboden gleich, und am nächsten Tag steht ein Heer von Archäologen da und weint über Schichten, die keine Schicht mehr sind. Wo bleibt die UN? Wo bleibt der Sicherheitsrat? Wo bleibt der Aufschrei, der sonst kommt, wenn Kulturgut dieser Welt zerstört wird? Die Stille ist ohrenbetäubend. Sie riecht nach Kerosin und nach Vertrag.

Drehen wir das Radio nach Kuba. Seit Jahrzehnten liegt die Insel unter einer US-Blockade, die sich in jeden Winkel des Alltags frisst. Lebensmittel knapp, sagen die Kubaner. Energieengpässe, sagen die Kubaner. UN-Hilfslieferungen werden behindert, sagt die UN. Die Vereinigten Staaten prüfen Sanktionen, wie andere Leute Wein prüfen — mit Kennermiene und ohne Eile. Während in Tyros die Vetodrohungen wie Konfetti fliegen, schaut die Welt nach Havanna und sieht weg. Weil Kuba klein ist. Weil Kuba trotzig ist. Weil kubanische Ärzte im Ausland gegen Seuchen kämpfen, während ihre eigene Bevölkerung hungert, und das ist kein Zynismus der Redaktion, das ist die Aktenlage. Ebola war das Symbol für schwache Systeme, sagten die Experten damals. Schwache Systeme. Schön formuliert. Und schwache Systeme sind genau die, die jetzt Kuba, die Philippinen, die halbe Welt am Rand des Abgrunds halten.

Manila. Die Inseln, die niemand auf dem Zettel hat, bis die Erde bebt. Mindestens fünfundvierzig Tote, über sechshundert Verletzte, siebzehn Vermisste. Die Zahlen steigen, das tun sie immer, bis sie irgendwann aufhören zu steigen und die Pathologen übernehmen. Schwere Schäden, sagt das seismologische Institut, als ob ein Beben dieser Stärke je etwas anderes als schwere Schäden hinterlassen hätte. Die Philippinen sind die Warnung, die niemand hört. Sie liegen am Rand tektonischer Platten, sie werden von Stürmen heimgesucht, und ihre Infrastruktur ist so alt wie der nächste Skandal. Aber wer spricht schon über Manila, wenn Tyros brennt? Wer berichtet von eingestürzten Schulen, wenn die Kameras auf Beirut oder Tel Aviv gerichtet sind? Die Aufmerksamkeit der Welt ist ein Scheinwerfer, und er leuchtet nur, wo er leuchten soll.

Und jetzt das Puzzle, die Fäden, die niemand ziehen will. Israel und die USA — alte Verbündete, neue Verträge, alte Subventionen, neue Waffenlieferungen. Wird Tyros angegriffen, weil eine Rakete aus dem Libanon flog, oder weil ein Geheimvertrag im Schreibtisch eines Beamten liegt, den niemand sehen darf? Ich behaupte nichts. Ich stelle Fragen. Fact-Checker dürfen prüfen, Agenturen dürfen dementieren, Regierungsstellen dürfen schweigen. Aber die Logik ist mörderisch. Wer von der Blockade Kubas profitiert, wer von der Schwäche der UN profitiert, wer davon profitiert, dass Krisen wie Perlen an einer Schnur aufgereiht werden, ohne dass jemand die Schnur durchschneidet — das sind die Akteure, die hier nicht genannt werden.

Die unsichtbare Blockade ist nicht nur die vor Kuba. Sie ist die um Informationen, um Opferzahlen, um ehrliche Berichterstattung. Acht Tote in Tyros — morgen sind es fünfzehn. Fünfundvierzig Tote auf den Philippinen — nächste Woche sind es hundert. Und Kuba? Kuba zählt seine Toten der Blockade in Krankenhäusern, die kein Insulin haben, in Altenheimen, die keine Heizung haben, in Schulen, die keine Hefte haben. Niemand zählt mit. Die Vereinten Nationen liefern Hilfsgüter, die an Zollgrenzen hängenbleiben. Die USA verschärfen Sanktionen, weil Sanktionen billiger sind als Kriege und fast genauso effektiv.

Evelyn singt unten im Café. Ihre Stimme kratzt am Klavier, irgendwas von verlorener Liebe, irgendwas vom Regen, der morgen kommt. Ich höre ihr zu, während der Rauch von meiner Zigarette in die Decke kriecht, und ich frage mich, ob irgendjemand in dieser verrückten Stadt versteht, dass die Welt gerade dreimal an drei verschiedenen Enden brennt und niemand den Notruf wählt. Tyros, Kuba, Manila — drei Punkte auf der Karte, ein Strich durch die Vernunft. Und die Mächtigen dieser Erde sitzen in klimatisierten Räumen, trinken Kaffee, lesen Dossiers und entscheiden, welche Krise wichtig genug ist, um sie zu zeigen, und welche wichtig genug ist, um sie zu verbergen.

Morgen früh wird die nächste Meldung kommen. Eine Rakete hier, ein Erdbeben dort, eine Blockade, die länger wird. Die Zeitung wird gedruckt, der Leser wird blättern, und die Welt wird weiterdrehen wie ein defekter Plattenspieler, immer dieselbe Platte, immer dieselbe Delle. Ich schreibe meinen Namen unter den Artikel, Morrison, und ich sage euch, was ich sehe: eine Menschheit, die sich selbst belagert, und keine Stadtmauer, die das noch aufhalten kann.

Draußen regnet es jetzt. Evelyn hat aufgehört zu singen. Die Schreibmaschine klappert weiter.

✦ Ende des Artikels ✦
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