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CARMELO IST ZURÜCK — UND DIE STADT STINKT NACH BETRÜGEN

11. April 2026 — — Morrison, over and out.

Der Regen hat aufgehört, aber der Gestank bleibt. Nicht der übliche Dreck der Gassen, nicht das faulige Fleisch vom Fischmarkt, sondern etwas Feineres. Etwas, das nach Geld riecht, das man nicht hat, und nach Versprechen, die man nicht halten kann. Carmelo ist zurück. Oder zumindest sein Name. Sein Gesicht. Seine Handschrift auf den Rechnungen, die seit gestern in den Briefkästen der Stadt liegen wie vergiftete Bonbons.

Er war weg. Nicht einfach nur fort, wie ein Mann, der seine Frau verlässt. Nein. Carmelo ist verschwunden wie ein Geist aus den Seiten seiner eigenen Romane. Die letzten, die wir hatten, waren diese dicken Bände mit den blutigen Handschuhen und den Frauen, die zu viel wussten. Die Kritiker nannten es „literarischen Realismus“. Die Polizei nannte es „Verdacht auf Mord“. Die Banken nannten es „Betrug“, aber nur, weil sie ihn nicht mehr bezahlen wollten. Dann – nichts. Kein Abschiedsbrief. Kein Grab. Nur ein leerer Schreibtisch in seinem Büro am Canal Street, wo die Luft nach altem Zigarettenrauch und billigem Whisky hing. Die Sekretärin, eine Frau mit einem Gesicht wie ein verprügeltes Huhn, flüsterte, er habe ihr gesagt, er gehe „auf eine Reise“. Eine Reise. Als ob er nicht wüsste, dass Reisen in diesen Zeiten etwas sind, das man nicht einfach so antritt – nicht ohne ein Ticket, das man nicht kaufen kann, und ohne einen Pass, der nicht nachgedruckt werden darf.

Und dann – poof. Gestern Morgen. Ein Telegramm. Kein Anruf. Kein Brief. Nur drei Zeilen auf gelblichem Papier, das nach altem Geld und schlechten Entscheidungen roch:

„Carmelo ist zurück. Kommt vorbei. Ich habe Geschichten zu erzählen.“

Die Geschichten. Da liegt der Haken. Carmelo war nie ein Mann, der Geschichten erlebte. Er erfand sie. Oder er kaufte sie sich. Oder er bestahl sie den Leuten ab, die sie am dringendsten brauchten. Seine Romane waren wie ein Spiegel – nur dass man darin nicht sich selbst sah, sondern die Abgründe, in die andere Leute fielen. Und jetzt? Jetzt will er wieder Geschichten. Aber nicht für die Seiten eines Buches. Für die Seiten der Stadt. Für die Seiten derer, die ihn vermisst haben. Oder die ihn vermissen wollen.

Die ersten, die ihn gesehen haben, waren die Typen aus der Banca di Venezia. Nicht die echte. Die andere. Die, die in den Hinterzimmern der Hotels sitzt und Kredite vergibt wie ein Zuhälter Drogen. Sie haben ihn in einem Café am Hafen gesehen, mit einem Mann, der aussah wie ein italienischer Graf aus einem D’Annunzio-Roman – nur mit mehr Narben und weniger Poesie. Carmelo hat nicht gezittert. Nicht einmal, als der Graf ihm eine Hand auf die Schulter legte und flüsterte: „Die Rechnungen sind überfällig.“ Carmelo hat nur gelacht. Ein kurzes, hohles Lachen, das nach etwas klang, das er längst verloren hatte. „Rechnungen? Mein Freund, ich habe nie etwas genommen. Ich habe nur ausgeliehen.“ Die Banca di Venezia hat keine Antwort darauf. Weil sie wissen, dass er recht hat. Carmelo hat nie etwas genommen. Er hat nur umgeleitet. Wie Wasser durch ein undichtes Rohr.

Dann war da noch die Frau. Eine Journalistin. Laura Weffer. Die hat in Miami gearbeitet. Oder gearbeitet zu haben geglaubt. Sie hat über Carmelo geschrieben – über seine „kriminellen Empires“, wie sie es nannten. Über die leeren Konten, die leeren Versprechungen, die leeren Häuser in Miami Beach, die er nie bezahlt hat. Sie hat ihn beerdigt, bevor er überhaupt tot war. Und jetzt? Jetzt sitzt sie in einem Hotelzimmer am Canal Street und wartet. Auf ihn. Oder auf die nächste Lüge. Sie hat mir gesagt, er habe ihr eine E-Mail geschickt. „Laura, du hast recht. Ich war ein Dieb. Aber ich war ein guter Dieb. Und jetzt brauche ich Hilfe.“ Kein Absender. Keine Signatur. Nur ein Passwort, das zu einem alten Server gehört, auf dem Carmelo vor Jahren seine Manuskripte hochgeladen hat. Die letzten, die er je geschrieben hat. Die letzten, die er je geschrieben hat.

Und dann ist da noch die Polizei. Oder das, was von ihr übrig ist. Ein paar Männer in schäbigen Anzügen, die versuchen, die Stadt zu regieren, während die Gangs die Straßen regieren und die Korrupten die Gesetze. Sie haben Carmelo nicht verhaftet. Nicht einmal befragt. Sie haben nur die Augen gerollt, als er in ihr Revier spaziert ist, als gehöre er dorthin. „Er ist kein Verbrecher“, hat der Chef gesagt. „Er ist ein Künstler. Und Künstler brauchen Freiheit. Selbst wenn sie sie stehlen.“ Die Freiheit. Das ist das Wort. Carmelo hat immer gesagt, er brauche Freiheit, um zu schreiben. Als ob Freiheit etwas wäre, das man braucht, wie Brot oder Luft. Als ob sie nicht auch etwas wäre, das man nimmt. Wie ein Dieb in der Nacht.

Jetzt sitzt er wieder in seinem Büro. Oder in dem, was einmal sein Büro war. Die Möbel sind noch da. Die Schubladen. Der Schreibtisch, auf dem die Tinte getrocknet ist wie die Tränen derer, die ihm vertraut haben. Die Wände sind noch da. Mit den gelben Geldern, die er an die Wand genagelt hat – nicht als Kunst, sondern als Erinnerung. „Für die, die bleiben“, hat er einmal gesagt. Als ob er wüsste, dass er selbst nicht bleiben würde. Als ob er wüsste, dass er nur ein Gast ist. Ein Gast, der nie bezahlt.

Die ersten Fragen sind die einfachsten. Wo war er? Was hat er gemacht? Und warum kommt er jetzt zurück? Die Antworten sind wie die Seiten seiner Bücher – voller Löcher, voller Tinte, die ausläuft. Die Banca di Venezia sagt, er sei in Europa gewesen. In Madrid. In Venedig. In Städten, die nicht auf den Landkarten stehen. Die Journalistin sagt, sie habe gehört, er sei in Venezuela gewesen. In den Bergen. Bei Leuten, die Öl verkaufen wie Wasser. Die Polizei sagt, sie wissen es nicht. Und das ist die Wahrheit. Sie wissen es nicht. Weil sie es nicht wollen wissen. Weil sie wissen, dass wenn sie es wüssten, es sie auch treffen würde. Wie eine Kugel. Wie eine Schuld.

Carmelo hat immer gesagt, er sei ein Mann der Worte. Ein Mann, der die Wahrheit erfindet. Aber die Wahrheit ist ein gefährliches Ding. Sie kann dich verraten. Sie kann dich verraten wie ein Freund. Wie ein Geliebter. Wie ein Vater. Die Wahrheit über Carmelo ist, dass er nie wirklich weg war. Er war nur anderswo. In den Schatten. In den leeren Konten. In den leeren Versprechungen. Und jetzt ist er zurück. Nicht, weil er muss. Sondern weil er kann. Weil die Stadt ihn braucht. Weil die Stadt immer die Verrückten braucht. Die Verführer. Die Lügner. Die, die den Leuten sagen, dass alles gut wird. Selbst wenn es nicht so ist.

Evelyn singt unten im Café. „You don’t know me at all“ – oder so ähnlich. Die Melodie ist alt. Wie die Stadt. Wie die Lügen. Carmelo sitzt da, raucht eine Zigarette, die nach Asche und Abschied schmeckt, und lächelt. Nicht weil er glücklich ist. Sondern weil er weiß, dass er noch eine Runde hat. Noch eine Geschichte. Noch ein Buch. Noch ein Leben. Und die Stadt? Die Stadt atmet. Sie atmet ein. Sie atmet aus. Und dann atmet sie wieder ein. Weil sie kann. Weil sie muss. Weil sie Carmelo braucht.

Und wir? Wir sitzen hier. In unseren schmutzigen Anzügen. In unseren leeren Köpfen. Und wir warten. Auf die nächste Seite. Auf die nächste Lüge. Auf den nächsten Mann, der uns sagt, dass alles gut wird. Selbst wenn es nicht so ist.

✦ Ende des Artikels ✦
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