Grenzen sind keine Mauern. Sie sind nur länger.
Erinnern Sie sich an die Namen? Nicht die Statistiken, nicht die kalten Zahlen der EU-Kommission, sondern die echten: Amin, der in Griechenland festhielt, weil er nicht wusste, dass er nach einem Pushback in türkisches Gebiet zurückgeschoben wurde. Oder Fatima, die in Bulgarien drei Tage in einem Container verbrachte, während Frontex-Mitarbeiter lachten, als sie um Wasser bat. Die Namen, die niemand mehr ruft, wenn die Reformen kommen.
Die EU will effizienter werden. Das ist ein Euphemismus für schneller. Und schneller bedeutet: weniger Zeit für Anwälte, weniger Zeit für Übersetzer, weniger Zeit für Menschen, die erklären müssen, warum sie fliehen. § 29 AsylG – der Paragraf, der „sichere Drittstaaten“ festschreibt – wird jetzt mit noch mehr Härte angewendet. Wer in Rumänien oder Ungarn „abgelehnt“ wird, hat keine Chance mehr auf Berufung. Die EU spricht von „Rechtsstaatlichkeit“. Die Betroffenen nennen es Auslieferung an die Hölle.
In Rumänien hat man gelernt, wie man EU-Gelder klaut. Nicht mit Schmiergeld, nicht mit falschen Rechnungen – nein, mit leeren Versprechen. Die Mittel, die eigentlich für Asylverfahren gedacht waren, landeten in den Taschen von Beamten, die wussten, dass niemand nachfragt. Die EU sagt: „Wir kontrollieren.“ Die Realität ist: Die Kontrolle ist ein Selbstbetrug. Während dort die Gelder verschwinden, streicht Deutschland die Mittel für die Sea-Watch. Nicht, weil es keine Schiffe mehr braucht, sondern weil es keine Menschen mehr sehen will.
Pushbacks sind keine Ausnahme. Sie sind das System. In Malta werden Geflüchtete in Booten zurückgedrängt, während die Kamera läuft. In Griechenland werden sie in Busse gezwängt und an die türkische Grenze gebracht. Frontex behauptet, es handle sich um „Grenzmanagement“. Die Wahrheit ist: Es ist eine Fabrik der Auslieferung. Und die EU feiert sich dafür, dass sie „effizient“ ist.
Ich habe Mariam kennengelernt, eine syrische Mutter, die in Ungarn festsaß, weil sie kein Visum hatte. Die Beamten sagten ihr, sie dürfe nicht sprechen. Sie durften nicht. Die EU spricht von „Beschleunigung“. Mariam spricht von Stille. Von der Stille, die kommt, wenn man einem Menschen den Mund verbietet.
Die Reformen kommen. Die Paragrafen werden verschärft. Die Grenzen werden digitaler, die Menschen werden unsichtbarer. Und irgendwo in einem Büro in Brüssel sitzt jemand und tippt in sein Laptop, während draußen Amin wieder versucht, über die Grenze zu kommen – diesmal mit einem falschen Pass, den er sich nicht leisten kann.
Die EU hat eine Wahl. Sie kann Mauern bauen. Oder sie kann Menschen retten. Sie hat sich für die Mauern entschieden. Und jetzt zählt sie die Menschen davor. Nicht die, die drin sind. Die, die draußen bleiben müssen.
--- (Der Koffer unter dem Schreibtisch ist schwer. Aber er ist nicht leer.)