DIE GRENZEN SCHREIEN. UND EUROPA HÖRT NICHT.
Sie nennen es Rückführung. Ich nenne es Verschwinden. Letzte Woche hat Frontex wieder eine Gruppe abgewehrt – nicht an Land, nicht mit Worten, sondern mit den Händen. Ein Mann, der sich an den Stahl der griechischen Grenze geklammert hatte, wurde von zwei Beamten in den Dünen verprügelt, bis er aufgab. Seine Frau weinte. Die Kinder starrten. Die Kamera von PRO ASYL fing es ein. Die EU-Kommission sagt: "Wir prüfen." Die Beamten sagen: "Das war Selbstverteidigung." Die Familie sagt nichts mehr. Sie ist weg. In die Türkei. Oder weiter. Niemand weiß.
Ich kenne den Geruch von Desinfektionsmittel und Angst. Vor einem Jahr habe ich in einem Container in Regensburg Formulare für eine syrische Mutter ausgefüllt, deren Sohn seit drei Monaten spurlos verschwunden ist. "Asylantrag abgelehnt", stand da. Kein Grund. Keine Begründung. Nur ein Stempel. Die Frau hat geweint, aber nicht über sich. Über die anderen. Die, die nie ankommen. Die, die an den Grenzen abgewehrt werden, bevor sie überhaupt um Hilfe bitten dürfen.
Die EU will 2026 mehr Geld für Grenzen ausgeben. Mehr Wachen. Mehr Schiffe. Mehr Abwehr. Gleichzeitig kracht die Bundesregierung die Rettungsschiffe aus. "Wir haben die Mittelmeerrettung nicht finanziert", sagt ein Minister. "Die NGOs machen das schon." Als ob das ein Geschenk wäre. Als ob es nicht um Leben geht. Als ob es nicht um die Frauen wäre, die in Libyen auf Schiffe geworfen werden, weil sie zu langsam sind. Um die Männer, die in der Nacht an die griechische Küste geworfen werden und ertrinken, weil niemand hinschaut.
Die Dublin-Regeln sind ein Albtraum. Ein Asylbewerber wird von Land zu Land geschoben, bis er aufgibt. Bis er krank wird. Bis er verzweifelt. Letzte Woche hat ein Mann in Bayern Selbstmord begangen, weil er wochenlang in einem Container festgehalten wurde. Kein Arzt. Kein Anwalt. Nur Stacheldraht und die Frage: "Wo ist dein Land?" Als ob das je eine Antwort wäre.
Ich habe mit einer Familie gesprochen, die aus Afghanistan kam. Der Vater wurde in Italien festgenommen, weil er ohne Papiere reiste. Die Mutter und die Kinder wurden nach Österreich weitergeschoben. Der Vater? Er sitzt jetzt in einem Lager in Libyen. Die Mutter sagt: "Sie haben uns getrennt. Aber sie haben vergessen, dass wir Menschen sind." Die Kinder weinen nicht mehr. Sie starren nur noch.
Die EU redet von Ordnung. Ich sehe nur Leere. Leere Schiffe. Leere Worte. Leere Gesichter von Menschen, die keine Chance mehr haben. Die Stadt Regensburg gibt Spenden für Rettungsschiffe. Gut. Aber wo bleibt die EU? Wo bleibt die Solidarität, wenn es um die geht, die wirklich Hilfe brauchen?
Ich habe meinen Koffer unter dem Schreibtisch. Für alle Fälle. Aber ich weiß: Irgendwann wird er nicht mehr reichen.