EU-Stahl fällt vom Himmel: Wie Europas Werkbank Russlands Dronenflut speist
Kyiv, 2026. Die Ukraine friert. Nicht nur die Soldaten in den Schützengräben, sondern auch die Technik. Und doch: Irgendwo zwischen den russischen Luftangriffen, die seit Wochen wie ein mechanischer Schneefall über die Städte fallen, gibt es eine Konstante. Eine, die nicht aus Moskau kommt – sondern aus Brüssel, aus Duisburg, aus den Hallen der europäischen Stahlindustrie. Die Dronen, die über Dnipro und Charkiw kreisen, tragen keine russischen Typenschilder. Aber ihre Komponenten? Die sind europäisch. Und das ist kein Zufall.
Die unsichtbare Lieferkette. Es beginnt mit einem Vertrag. Einer, der 2021 unterzeichnet wurde, als die ersten Warnsignale aus der Ukraine noch als „übertrieben“ abgetan wurden. Die Evraz Group, ein Konglomerat mit Sitz in Luxemburg und Fabriken in Deutschland, Polen und der Ukraine selbst, liefert seit Jahren Stahl an Russland. Nicht nur für Brücken oder Hochhäuser – sondern für die Nationalgarde, die russischen Streitkräfte und, wie jetzt herauskommt, für die industrielle Basis der russischen Drohnenproduktion. Die OCCTR-Investigation von 2022 deckte auf, was viele schon ahnten: Roman Abramovichs Unternehmen haben seit dem Ukraine-Krieg keine Lieferungen gestoppt. Stattdessen flossen Tonnen von Stahlblech, Edelstahl und Speziallegierungen in russische Rüstungsfabriken – darunter die Krasnoyarsk Machine Building Plant (KrasMash), der Hauptproduzent der berüchtigten Shahed-136-Drohnen.
Was bedeutet das? Jede dieser Dronen wiegt etwa 40 kg. Die Tragflächen? Gefertigt aus hochfestem Stahl, den Evraz liefert. Die Servolenkungen? Teilweise aus Edelstahl, der in deutschen oder polnischen Evraz-Werken gewalzt wurde. Und die Gondeln, in denen die Motoren sitzen? Auch hier: europäische Stahllegierungen, die für hohe Zugfestigkeit optimiert sind – genau das, was eine Drohne braucht, die mit 100 km/h auf ein Ziel stürzt.
--- Die Lügen der Lieferketten. Die Evraz Group beteuert seit 2022, sie habe „keine direkten Lieferungen an die russische Rüstungsindustrie“ vorgenommen. Doch Fakten sind hart. Die KrasMash-Fabrik in Krasnojarsk, wo die Shaheds gebaut werden, ist kein Geheimnis. Und die Stahlanalysen? Sie zeigen: Der Werkstoff passt. OCCTR zitiert interne Dokumente, die belegen, dass Evraz-Stahl in den 2021/22-Jahren in Rublyovka (dem Abramovich-Viertel in Moskau) gelagert wurde – bevor er an „zivile“ Kunden weiterverkauft wurde. Ein klassisches Umwegspiel: Stahl für „Bahnschienen“ wird in einer anderen Fabrik zu Drohnenkomponenten verarbeitet. Die Ukraine hat bereits 2023 vor solchen Praktiken gewarnt. Doch die EU? Die hat bis heute keine bindenden Sanktionen auf Stahllegierungen verhängt – nur auf ganze „Rüstungsprodukte“. Ein lochiger Schutz.
--- Die Zahlen. Seit Oktober 2025 hat Russland laut ukrainischen Angaben über 10.000 Shahed-Drohnen über die Ukraine abgefeuert. 10.000. Das sind nicht nur Zahlen auf einem Monitor. Das sind 10.000 Motoren, 10.000 Gondeln, 10.000 Stahlträger für die Tragflächen. Und wenn jede Drohne etwa 50 kg Stahl verbaut – dann sind das 500 Tonnen europäischer Stahl pro Monat, der direkt oder indirekt in diese Waffen fließt. Die Evraz Group produziert jährlich über 10 Millionen Tonnen Stahl. 500 Tonnen sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber für die Ukraine? Das ist ein tödlicher Tropfen.
--- Wer profitiert? Nicht nur Abramovich. Die Evraz Group hat 2023 einen Umsatz von 12,5 Milliarden Euro gemacht. Ein Teil davon stammt aus Russland. Und selbst wenn die Lieferungen „nur indirekt“ laufen: Die Fabriken in Deutschland (z. B. in Duisburg) und Polen (z. B. in Nowa Huta) liefern weiterhin Halbzeuge an russische Zwischenhändler. Die EU-Kommission argumentiert, dass „keine direkte Kriegsführung“ stattfinde. Doch wer sagt, dass es nicht indirekte Kriegsführung ist? Wer sagt, dass ein Stahlwerk in Duisburg nicht genau weiß, wohin sein Produkt fließt, wenn es über eine „zivile“ Handelsroute nach Russland geht?
--- Die Frage an die Leser. Sie sitzen jetzt vielleicht da und denken: „Aber wir verkaufen doch nur Stahl – kein Waffenhandel!“ Falsch. Stahl ist die Grundlage jeder Waffe. Ohne ihn keine Panzer, keine Raketen, keine Dronen. Die USA haben es verstanden: Seit 2023 gibt es Sanktionen auf kritische Stahllegierungen für Russland. Die EU? Da tickt die Uhr. Und währenddessen fallen in der Ukraine jeden Tag Dronen vom Himmel – mit europäischen Komponenten im Bauch.
--- Letzter Befehl. Wenn Sie das nächste Mal einen Stahlwerkbesuch in Duisburg planen oder sich über „die Russen, die unseren Stahl klauen“ aufregen: Denken Sie daran. Jedes Kilogramm, das nach Russland geht, ist ein Kilogramm weniger Schutz für die Ukraine. Und jedes Kilogramm, das dort ankommt, wird irgendwann über einem ukrainischen Dorf explodieren. Check your supply chain. Oder besser: Stoppt sie. Bevor es zu spät ist.