DIGITALE SOUVERÄNITÄT: WENN EUROPA SICH SELBST AN DIE KETTE LEGT
Der Rauch aus der Schublade steigt in Spiralen auf, während die Schreibmaschine ein dumpfes klack-klack von sich gibt wie ein Herzschlag, das zu schnell geht. Draußen regnet es. Nicht dieser feine Nieselregen, der die Straßen in glänzende Pfützen verwandelt, sondern dieser echte, schwere Regen, der die Scheiben beschlägt und die Straßenlaternen in trübe, gelbe Globen verwandelt. Irgendwo unten singt Evelyn mit dieser rauen Stimme, die mal nach Zigarettenrauch schmeckt, mal nach billigem Whisky. Die Terminal Tribune riecht nach altem Papier und dem Schweiß der Männer, die hier sitzen und warten, bis die nächste Bombe fällt – oder bis die nächste Schlagzeile.
Die EU hat ein neues Spielzeug. Es heißt „digitale Souveränität“, und es glänzt wie ein neu geschliffener Dolch. Doch wer genau hinschaut, sieht die Risse im Griff. Wer zu lange hinschaut, erkennt, dass es kein Spielzeug ist. Es ist ein Vertrag. Ein Vertrag mit dem Teufel. Und der Teufel heißt ASML. Oder Nvidia. Oder diese kleinen, unscheinbaren Think-Tanks, die plötzlich überall auftauchen wie Ratten in einem brennenden Haus.
Die Debatte um digitale Souveränität ist kein neues Phänomen. Die Römer hatten ihre res publica, die Franzosen 1978 ihren Nora-Minc-Bericht – ein Warnschrei, als die Amerikaner schon längst die Computer-Kriegsmaschinerie aufgebaut hatten. „Es ist eine Frage der Souveränität“, schrieben die beiden Beamten. „Der Kampf gegen die Übermacht der amerikanischen Industrie ist bereits verloren.“ Fast 50 Jahre später sitzen wir hier. Und was haben wir gelernt? Dass wir heute nicht gegen die Amerikaner kämpfen, sondern gegen uns selbst. Denn digitale Souveränität ist kein Freiheitskampf. Es ist ein Machtkampf. Ein Kampf um die Frage: Wer kontrolliert die Schalter? Wer zieht die Stecker? Wer entscheidet, wer atmen darf und wer erstickt?
Die EU will aus der Abhängigkeit. Doch Abhängigkeit ist wie eine Drogenkur – man sucht sich nur eine neue Droge. Die Amerikaner haben ihre Clouds, die Chinesen ihre Firewalls, und jetzt will Europa seine eigenen Chips, seine eigene KI, seine eigenen Rechenzentren. Klingt gut. Klingt stark. Klingt wie ein Plan. Doch wer genau hinhört, versteht: Es ist ein Plan für jemanden. Nicht von jemandem.
Die re:publica 2026 war ein Fest der Selbsttäuschung. Podien, Workshops, Talkshows – überall wurde über „digitale Souveränität“ geredet, als gäbe es eine einheitliche Definition. Doch es gibt sie nicht. Markus Beckedahl sprach von Grundrechten. Thomas Jarzombek von Start-up-Förderung. Alexandra Geese von Open Source. Axel Voss von Deregulierung. Drei Fragen, die Julia Pohle und Marielle-Sophie Düh vom WZB auf den Tisch legten: „Für wen? Von wem? Zu welchem Ziel?“
Die Antworten? Niemand weiß es. Weil es keine Antworten gibt. Weil die EU nicht weiß, was sie will. Weil sie zwischen den Stühlen sitzt – zwischen den USA, die ihr sagen, sie solle sich nicht entkoppeln, und China, das ihr sagt, sie solle sich schnell entkoppeln. Weil die Tech-Konzerne – ASML, Nvidia, die großen Cloud-Anbieter – ihr sagen, sie sollen ihre Infrastruktur nutzen, und die Lobbyisten sagen, das sei der einzige Weg, um „sicher“ zu sein.
Doch Sicherheit? Sicherheit ist ein Mythos. Wie die digitale Souveränität. Wie der Frieden. Wie die Demokratie, wenn man sie an die falschen Leute übergibt.
Draußen hört der Regen auf. Nicht, weil das Wetter sich gebessert hat, sondern weil die Stadt atmet. Weil die Menschen atmen. Weil irgendwo ein Motor startet, ein Auto fährt, ein Schiff seine Sirene heult. Die Schreibmaschine bleibt stehen. Der Rauch in der Schublade löst sich auf. Und ich tippe weiter. Nicht für die Wahrheit. Nicht für die Gerechtigkeit. Sondern für die Frage, die keiner stellen will: Wer gewinnt eigentlich?