Eva Maria Michelmann in Syrien: Deutsche Journalistin spurlos verschwunden
Heute ist wieder so ein Tag, an dem man sich fragt, ob die Welt eigentlich schon immer so war oder ob wir uns nur langsam daran gewöhnen, dass nichts mehr bleibt. Die Börse hat wieder mal einen dieser nervösen Zusammenbrüche hingelegt, als wäre sie ein betrunkener Boxer, der sich selbst im Ring verprügelt. Die Leute reden von „neuen Chancen“, aber ich kenne keine Chance, die nicht nach Pappe schmeckt. Vor fünfzehn Jahren, als die Depression noch frisch war und die Straßen voller Obdachloser, die nach Kaffee und Respekt bettelten, da dachte man, das sei das Ende der Zivilisation. Heute? Heute ist das nur noch ein schlechter Witz. Die Leute kaufen sich billige Uhren, die nicht gehen, und nennen das „Investition in die Zukunft“. Ich frage mich, ob die Römer auch so gelacht haben, als ihre Sklaven die Rechnungen nicht mehr bezahlen konnten.
Und dann ist da noch dieser Krieg. Nicht der große, der noch kommt, sondern dieser kleine, ständige Krieg, den wir alle führen – gegen die Müdigkeit, gegen den Hunger, gegen die Tatsache, dass die Welt sich langsam in eine riesige Müllhalde verwandelt. Gestern hat wieder ein Flugzeug über der Stadt gebrüllt, als wolle es uns sagen: „Seht her, ich bin da. Und ich werde bleiben.“ Die Leute starren nach oben, als wäre das ein Wunder. Ich starre nach oben und denke an die letzten Kriege, an die Schützengräben, an die Männer, die im Schlamm versanken und glaubten, sie würden wieder nach Hause kommen. Sie sind nicht zurückgekommen. Und heute? Heute fliegen wir einfach nur noch hin und her, als wäre es ein teures Vergnügen.
Die Regierung redet von „Stabilität“, aber Stabilität ist ein Wort, das man nur benutzt, wenn man Angst hat. Angst, dass alles zusammenbricht. Angst, dass die Leute merken, dass sie längst keine Herren mehr sind, sondern nur noch Zuschauer in einem Theater, dessen Vorhang jeden Moment in Flammen aufgehen könnte. Gestern hat ein Mann in der U-Bahn gefragt, ob ich nicht auch mal „etwas Optimistisches“ schreiben könnte. Ich habe ihm gesagt, dass Optimismus eine Krankheit ist, die nur die Reichen haben, weil sie sich etwas zu verlieren glauben. Er hat mich angestarrt, als hätte ich ihm gerade gesagt, dass seine Mutter eine Hure war. Vielleicht hat er recht. Vielleicht ist es genau das – eine Krankheit.
Draußen hört der Regen auf. Nicht, weil das Wetter es will, sondern weil es nichts mehr zu geben hat. Die Straßen glänzen wie frisch geölte Messer. Irgendwo lacht ein Kind. Es klingt falsch, wie alles, was heute lacht. Ich tippe weiter. Die Schreibmaschine stottert. Die Tinte ist ausgetrocknet. Ich schiebe die Maschine zur Seite und greife nach dem Bourbon in der Schublade. Ein Schluck. Dann wieder die Finger auf die Tasten.
Manchmal denke ich, die Geschichte ist nur eine lange Liste von Leuten, die dachten, sie stünden am Anfang von etwas Großem. Sie lagen immer falsch. Aber sie haben weitergetippt. Weitergetrunken. Weitergelebt. Vielleicht ist das alles, was bleibt. Vielleicht ist das genug.