Feuer über Babylon – Wer zündet die Fackel?
Die Nacht war feucht, wie immer in dieser Jahreszeit, als der Himmel über Jurf al-Sakhar sich öffnete wie ein fauler Mund. Nicht der Regen fiel zuerst, sondern das Schweigen der Bomben. Um 22:47 Uhr, so steht es in den Protokollen der lokalen Polizei, die noch mit Tinte schreiben, wenn sie nicht gerade mit Blut schreiben müssen. Vier Männer – oder was von ihnen übrig blieb – wurden in den Trümmern der PMF-Kaserne gefunden. Keine Helden. Keine Märtyrer. Nur vier weitere Namen auf einer Liste, die längst länger ist als die Geduld derer, die sie aufstellen.
Die Popular Mobilisation Forces, diese selbsternannten Wächter des Glaubens, hatten sich in den letzten Wochen wie Ameisen um die Überreste des alten Irak versammelt. Jurf al-Sakhar, ein Dorf, das sich mehr als schäbig über die Straße nach Babylon schiebt, war ihr neuer Stützpunkt. Keine Festung. Keine Mauer. Nur ein paar Baracken, ein paar Gewehre, und die naive Überzeugung, dass sie etwas zu verteidigen hätten. Doch was verteidigt man, wenn der Himmel schon längst zum Feind geworden ist? Die Römer hätten sich über diese Frage den Kopf zerbrochen. Die Römer wussten wenigstens, dass sie gegen Menschen kämpften. Hier kämpft man gegen Schatten – und manchmal gegen sich selbst.
Die Bomben kamen aus dem Nichts. Kein Vorwarnschuss. Kein Ultimatum. Nur das Donnern, das die Dächer der umliegenden Häuser zum Beben brachte, und der Gestank von verbranntem Öl, der sich mit dem Gestank der Angst vermischte. Die Verletzten – zwei Schusswunden, eine Splitterverletzung, ein gebrochener Arm – wurden in ein Krankenhaus in Hillah gebracht, wo sie sich zwischen den Schreien der Verwundeten und den Flüchen der Ärzte wiederfanden. Die PMF selbst? Sie standen da wie betrunkene Wachen, die plötzlich merkten, dass der Betrug, an den sie geglaubt hatten, doch nur ein schlechter Traum war.
Doch das war nicht das Ende. Nein. Der Himmel war noch nicht fertig mit seinem Zirkus.
Gleichzeitig, während die Trümmer in Jurf al-Sakhar noch rauchten, schickte jemand – oder etwas – eine Handvoll Raketen in Richtung der Victory Base, dieses alte Nest der Amerikaner, das sich wie ein Krebsgeschwür in den Westen Bagdads gefressen hat. Ein A32B-Transportflugzeug, so groß wie ein schlafender Drache, fing Feuer. Die Luftabwehr? Ein Hohn. Die Raketen kamen wie die Geister der letzten Kriege – unaufhaltsam, lautlos, mit der Arroganz derer, die wissen, dass sie nicht getroffen werden können. Die Amerikaner nennen das „Kollateralschaden“. Die Iraker nennen es „Gott vergibt, aber die Nachbarn nicht“.
Und dann, als ob der Himmel sich langweilte, schickte jemand noch eine weitere Botschaft: Drones über Erbil. Die Konsulate. Die Diplomaten. Die Männer in ihren teuren Anzügen, die sich einbilden, sie könnten die Welt retten, während sie sich hinter Beton und Stahl verstecken. Die Luftabwehr schoss. Die Drones fielen wie verletzte Vögel. Doch der Schaden war schon angerichtet. Der Schaden war immer schon angerichtet.
Die Frage ist nicht, wer diese Angriffe verübt hat. Die Frage ist, warum. Warum jetzt? Warum hier? Warum diese sinnlosen Demonstrationen der Macht, als ob jemand beweisen wollte, dass er noch kann? Die Depression der Dreißiger Jahre lehrte uns, dass Verzweiflung oft die beste Motivation ist. Heute scheint es, als ob jemand beschlossen hat, dass Verzweiflung nicht mehr reicht. Vielleicht ist es die Wut. Vielleicht ist es die Angst. Vielleicht ist es einfach nur der letzte Akt eines Mannes, der weiß, dass das Theater bald vorbei sein wird – und der trotzdem die Kulissen anzündet.
Die Straßen von Babylon sind nass. Die Luft riecht nach Öl und Schweiß. Irgendwo singt eine Frau. Vielleicht ist es Evelyn. Vielleicht ist es nur der Wind. Es spielt keine Rolle. Die Bomben fallen weiter. Die Raketen fliegen weiter. Und irgendwo, zwischen den Trümmern und dem Rauch, wartet jemand darauf, dass das nächste Kapitel beginnt.
Das nächste Kapitel wird nicht besser sein. Aber es wird spannend sein.