FLAMMEN IM DUNKEL: SURATS TEXTILARMEE MARSCHIERT AUS
Die Römer hatten ihre Legionen. Die Briten ihre Baumwolle. Und jetzt? Jetzt hat Surat eine Armee von Frauen und Männern, die mit leeren Gasflaschen und zerrissenen Löhnen durch die Straßen ziehen. Nicht, weil sie kämpfen wollen. Sondern weil sie nicht mehr können. Weil die Flammen, die einst ihre Häuser wärmten und ihre Nudeln kochten, längst erloschen sind – und mit ihnen die letzte Illusion, dass dieser Krieg irgendjemandem etwas anderes als Hunger und Asche bringt.
Es begann mit einem Trick, wie sie ihn in den Ölfeldern des Persischen Golfs seit Jahrhunderten üben: Sabotage. Nicht mit Dynamit, sondern mit Schiffen. Die Iraner, die sich seit Wochen mit den Amerikanern die Eier einschlagen, haben die Schifffahrtsrouten blockiert. Die Flaschen, die einst aus dem Iran kamen – billig, zuverlässig, wie der Kaffee, den man in der Früh trinkt, ohne nachzudenken –, sind jetzt Mangelware. Die Regierung in Delhi hat die Notbremse gezogen: Erst die Fabriken, dann die Haushalte. Prioritäten. Als ob Prioritäten in einer Stadt wie Surat, wo die Luft nach verbranntem Plastik und Schweiß riecht, je etwas anderes wären als ein Wort für die, die zuerst sterben.
Die Textilarbeiter sind die Ersten. Nicht, weil sie unersetzlich wären – nein, sie sind es nicht. Die Maschinen laufen noch, wenn die Arbeiter nicht mehr kommen. Aber die Maschinen brauchen Menschen, die sie bedienen, die die Garne flicken, die die Drecksarbeit tun, die niemand sonst machen will. Und jetzt? Jetzt stehen die Webstühle still, weil die Frauen, die sonst bis zum Umfallen spannen, ihre Kinder umarmen und nach Hause gehen. Nach Hause, wo die Küche kalt ist, wo der Reis ungegessen im Topf steht, wo die Mutter ihren Sohn fragt, ob er heute wieder Hunger hat – und er nickt, weil er schon weiß, dass es nichts gibt.
Die Regierung redet von „Notmaßnahmen“. Die Opposition brüllt von „Verrat“. Die Fabriken, die einst Surat zum zweiten Manchester Indiens machten, spucken jetzt nur noch leere Versprechungen aus. „Wir werden die Lieferungen sichern“, sagt der Minister, während irgendwo in der Stadt eine Frau ihren letzten Rest Gas für eine Tasse Tee klaut, damit das Kind nicht friert. „Wir handeln mit Alternativen.“ Als ob Alternativen etwas nützen, wenn die Alternativen auch teurer sind als das Gehalt einer Arbeiterfamilie. Die Preise für Flüssiggas sind explodiert – um 300 Prozent, wie die Agenturen melden. Um 300 Prozent! Das ist kein Inflationsschub, das ist ein Messer, das einem die Kehle durchschneidet. Und wer zahlt? Nicht die Konzerne, die die Textilien nach Europa und Amerika schicken. Nicht die Händler, die die Preise hochtreiben wie die Händler in den Märkten von Babylon. Nein, die Rechnung kommt bei denen an, die schon immer die Rechnung bezahlt haben: den Kleinen. Denen, die keine Lobby haben, keine Anwälte, keine Mächtigen, die ihnen zuflüstern, dass sie „verzichten“ sollen.
Die ersten Exodusse begannen vor einer Woche. Frauen mit Kinderwagen, Männer mit zerfledderten Koffer, die zu Fuß oder mit dem letzten Zug nach Gujarat ziehen, zurück in Dörfer, wo die Luft noch atembar ist und die Mütter noch kochen können. Die Fabriken warnen vor „Produktionsengpässen“. Die Banken warnen vor „wirtschaftlichen Risiken“. Aber wer warnt die Arbeiter? Wer fragt, ob sie überhaupt noch eine Wahl haben? Die Antwort liegt in den leeren Straßen von Surat, wo einst das Heulen der Webstühle die Nacht erfüllte, und jetzt nur noch das Wimmern der Kinder zu hören ist.
Und die Politik? Die Politik sitzt in Delhi und diskutiert über „Diversifizierung“. Als ob man Gas durch Luft ersetzen könnte. Als ob man Hunger durch Worte stillen könnte. Als ob die Römer ihre Legionen mit leeren Kornspeichern geführt hätten und es trotzdem funktioniert hätte. Die Geschichte lehrt uns eines: Wenn die Menschen nicht mehr kochen können, dann ist das kein Wirtschaftskrisen-Szenario. Das ist der Anfang vom Ende. Nicht der Untergang der Welt. Aber der Untergang von etwas, das noch lange nicht vorbei ist.
Die Flammen in den Küchen von Surat gehen aus. Und mit ihnen die letzte Illusion, dass Fortschritt mehr ist als ein Wort für die, die ihn nicht mehr erreichen können.