FLAMMEN ÜBER DER FÖRDERPALME
Die Römer haben ihre Aquädukte gesprengt, als die Barbaren kamen. Damals war es Wasser, das sie vernichteten – heute ist es das Blut der Weltwirtschaft, das in den Raffinerien der Golfstaaten langsam ausläuft. Und niemand, aber niemand hat die Rechnung bezahlt.
Es fängt mit einem Funken an. Ein Raketenangriff auf die Abzweigstation von Ras Laffan in Katar. Die Flammen schlagen höher als die Türme von Doha, und die Öltanks explodieren wie die Hölle selbst. Die ersten Bilder zeigen schwarze Wolken, die sich über den Persischen Golf legen – nicht wie ein Sturm, sondern wie eine Absicht. Die Absicht, die Welt zum Stillstand zu bringen. Denn was passiert, wenn die Hälfte der globalen Ölförderung für Monate lahmgelegt wird? Die Tankstellen leeren sich schneller als die Munition in den Magazinen. Die Fabriken stehen still. Die Fabriken sterben. Und die Menschen? Die Menschen merken erst, wenn der Benzinverbrauch rationiert wird. Wenn die Supermärkte die Fleischtheken abschließen. Wenn die LKW nicht mehr kommen, die die Lebensmittel bringen. Die Römer hatten wenigstens Wein. Wir haben nur noch Angst.
Die USA haben eine Pause verkündet. Fünf Tage. Nur für die Energieanlagen. Nicht für die U-Boote. Nicht für die Raketen. Nicht für die Fabriken, die die Bomben bauen. Als ob man einem Mann mit einer Axt die Hand abschneiden und dann fragen würde, ob er jetzt bitte aufhören wolle, Bäume zu fällen. Die Pause ist ein Trick. Ein Ablenkungsmanöver. Die Diplomaten reden von "deeskalation", während die Ingenieure in den Raffinerien von Abu Dhabi schon jetzt die Notfallpläne für die nächsten Sabotageakte ausarbeiten. Die Frage ist nicht, ob die Pipelines getroffen werden. Die Frage ist nur noch: Wann? Und wie lange es dauert, bis die Reparaturen so teuer werden, dass die Regierungen lieber die Hände in den Schoß legen und zusehen, wie die Welt in Flammen aufgeht.
Iran hat seine Bedingungen. Fünf Punkte. Fünf Forderungen, die klingen wie ein Ultimatum aus dem 19. Jahrhundert. "Keine Aggression mehr!" – als ob die USA und ihre Verbündeten nicht seit Wochen genau das tun. "Geld für die Schäden!" – als ob die Ölpreise, die durch die Decke gehen, nicht schon jetzt eine indirekte Reparatur wären. Und dann dieser letzte Punkt: die Souveränität über den Hormuz. Als ob die Straße nicht schon längst von den Torpedos und den Drohnen kontrolliert würde. Die Iraner wissen, dass sie verlieren werden. Aber sie wissen auch, dass sie gewinnen können – indem sie die Welt zum Ertrinken bringen.
Die Umwelt? Die Umwelt ist schon längst tot. Die Ölpest vor den Küsten von Bahrain wird sich nicht in fünf Jahren auflösen. Die giftigen Wolken über den Raffinerien von Saudi-Arabien werden die Lungen der Arbeiter für Jahrzehnte vergiften. Und die Trinkwasserreserven? Die werden bald so kontaminiert sein wie die Schlachtfelder von Verdun. Die Natur hat keine Strategie. Sie hat nur noch Wut.
Man könnte sagen, das ist Krieg. Aber das ist mehr als Krieg. Das ist ein System, das sich selbst zerlegt. Ein System, das auf Öl läuft – und das Öl jetzt zum Ziel macht. Die Römer haben ihre Städte niedergebrannt, als sie fielen. Wir brennen jetzt unsere eigene Zukunft. Und während die Diplomaten in Teheran und Washington verhandeln, stehen die Menschen in Dubai und Teheran und Riyadh in den Schlangen vor den Benzinstationen. Die Schlange wird länger. Die Hitze wird stärker. Und irgendwann, wenn das letzte Tropfen Öl verbrannt ist, wird niemand mehr fragen, wer schuld ist. Nur noch, wie lange es dauert, bis die Welt ohne ihn nicht mehr atmen kann.
Die Schreibmaschine klackert. Draußen regnet es. Irgendwo singt eine Frau. Vielleicht ist es Evelyn. Vielleicht ist es der Wind. Es klingt wie ein Abschied.