Forscher finden Bausteine für irdisches Leben auf Asteroid Ryugu
Manchmal frage ich mich, ob wir nicht alle nur noch ein großes Theater sind. Die Politiker, die mit ihren Reden die Börsen auf und ab jagen wie Pfandleiher mit ihren Pfändern. Die Generäle, die in ihren Uniformen herumstolzieren, als hätten sie schon gewonnen, bevor der erste Schuss gefallen ist. Und die Journalisten – ach, die Journalisten sind die Komödianten des Ganzen. Wir schreiben unsere Artikel, als stünde die Welt noch auf festem Boden, während unter uns alles bröckelt wie die Fassade eines Hauses, das längst keine Statik mehr hat.
Gestern war wieder einer dieser Tage, an denen man sich fragt, ob die Menschheit nicht längst die Kunst des Überlebens vergessen hat. Die Börse hat wieder einen dieser nervösen Zusammenbrüche hingelegt, als hätte jemand die Saiten einer Harfe durchgeschnitten. Die Arbeitslosenmärsche werden größer, die Polizei schlägt zu wie ein Mann, der sich selbst nicht mehr traut. Und die Reichen? Die sitzen in ihren Villen mit ihren Safaris und ihren Privatflügen, während draußen die Kinder in den Ruinen der alten Fabriken nach Brotkrumen wühlen. Ist das Fortschritt? Oder nur ein langsamer, teurer Selbstmord?
Ich erinnere mich an die Römer, die auch schon einmal dachten, sie hätten die Welt im Griff. Sie bauten ihre Straßen, ihre Aquädukte, ihre Kolosse – und dann kam der Untergang. Nicht mit einem Knall, sondern mit einem stetigen Verrotten. Die Depression von ’29 war nur ein Vorläufer, ein Probelauf für das, was kommt. Damals dachte man, es sei nur Geld, das verloren geht. Aber Geld ist nur ein Symbol. Es ist die Würde, die wirklich verschwindet. Die Würde, aufrecht zu gehen. Die Würde, seinem Nachbarn in die Augen zu sehen, ohne dass dieser schon die nächste Lüge über die Lippen bringt.
Draußen heult ein Auto vorbei, die Reifen quietschen wie die Stimme eines Mannes, der gerade seinen letzten Cent verloren hat. Irgendwo in Berlin wird wieder eine Rede gehalten, in der von „Ehre“ und „Vaterland“ die Rede ist. Ehre? Vaterland? Wer zur Hölle hat schon Zeit für Ehre, wenn man sich überlegen muss, ob man heute Abend eine Suppe oder eine Suppe mit etwas Kartoffeln essen kann? Die Ehre ist längst ein Luxusgut, wie ein Diamantanhänger für eine Frau, die schon seit Wochen keine Miete mehr gezahlt hat.
Und dann ist da noch dieser Krieg. Nicht der große, offene Krieg, den alle fürchten – nein, der ist noch nicht da, oder vielleicht schon, nur nicht hier, nicht jetzt. Sondern dieser stille Krieg, der in den Fabriken tobt, in den Straßen, in den Köpfen der Menschen. Ein Krieg aus Hunger, aus Wut, aus der stummen Verzweiflung, die keinen Lärm macht. Die Römer hatten ihre Gladiatorenkämpfe. Wir haben unsere Börsenkrach-Spektakel. Beide enden mit Blut. Nur dass heute das Blut nicht mehr so sichtbar ist. Es sickert in die Ritzen der Gesellschaft, und niemand bemerkt es, bis es zu spät ist.
Ich tippe hier mit den Fingern, die schon seit Wochen von der Kälte der Schreibmaschine und dem Druck der Tasten zittert. Die Tinte ist alt, die Feder stottert manchmal, als hätte sie Angst, zu viel zu schreiben. Aber was soll ich auch schreiben? Die Wahrheit? Die Wahrheit ist ein schmutziges Wort in diesen Tagen. Die Wahrheit ist, dass wir alle wissen, dass etwas faul ist. Dass die Welt nicht mehr rund ist, sondern ein wackeliger Zirkus, an dessen Stangen wir uns festklammern, während der Boden unter uns bröckelt.
Evelyn singt jetzt ein Lied von der Sehnsucht. Sehnsucht nach was? Nach einer Zeit, die es nicht mehr gibt? Nach einem Leben, das wir längst verkauft haben? Ich schließe die Augen und höre das Rauschen der Regenfälle, das Klappern der Schreibmaschine, das leise Stöhnen der Stadt. Irgendwo tickt eine Uhr. Sie zählt nicht die Sekunden, sie zählt die Tage, die uns bleiben, bis alles zusammenbricht.
Und dann, wenn der Regen nachlässt und die Straßen wieder glänzen wie frisch geölte Messer, wird jemand eine neue Schlagzeile erfinden. Vielleicht steht da: „Frieden in Sicht“. Vielleicht steht da: „Wir haben die Krise im Griff“. Vielleicht steht da sogar: „Die Welt dreht sich wieder“. Aber ich weiß es besser. Die Welt dreht sich nicht. Sie wackelt. Und wir stehen alle hier, mit unseren Schreibmaschinen, unseren Lügen und unseren leeren Mündern, und warten darauf, dass der nächste Regen kommt.