Gaza: Die Ratten kommen mit den Bomben
Die Römer hatten ihre Pest. Die Spanier ihre Pestilenz. Die Deutschen ihren Krieg. Jetzt hat Gaza seine Ratten – und die kommen nicht allein. Sie kriechen durch die Trümmer, fressen die Kadaver, trinken das Wasser aus den zerschossenen Leitungen, während die Menschen in Zelten hocken wie die Hunde in den Katakomben von Pompeji, nur dass dort wenigstens die Asche noch warm war.
Majid Abu Ramadan, der Gesundheitsminister, hat es gesagt: Die Strip ist ein Labor für Seuchen. Nicht die Art von Labor, die man in einem weißen Kittel mit Pipette betritt. Sondern das andere. Das, in dem die Natur sich rächt, weil die Menschen sie längst verprügelt haben. Hantavirus. Pest. Salmonellen, die sich in den offenen Wunden der Kinder festbeißen wie Fliegen im Honig. Und die Ratten? Die sind nur die Boten. Die ersten, die kommen. Die anderen folgen immer.
Über eine Million Menschen leben jetzt in Zelten. Nicht wie Flüchtlinge nach einem Sturm. Sondern wie Tiere in einem Käfig, den man langsam zuschlägt. Die Kinder? Die sind die ersten, die fallen. Nicht von den Bomben. Sondern von dem, was danach kommt. Unterernährung, offene Wunden, Fieber, das niemand behandeln kann. Die WHO wird gebeten, einzuspringen. Als ob die noch Zeit hätte. Als ob die noch Platz im Kofferraum ihrer Diplomatenwagen hätte für Pestizide, während irgendwo anders die Welt über Ölpreise und Börsenkurse diskutiert.
Und dann sind da noch die anderen. Die, die nicht in den Schlagzeilen stehen. Die, die in den Ruinen liegen, die niemand zählt. Die, die in den Krankenhäusern sterben, weil die Betten schon mit Leichen gefüllt sind. Weil die Ärzte keine Verbände mehr haben. Weil die Ambulanzen wie schwarze Fliegen umherwirbeln, aber niemand mehr weiß, wohin sie fahren sollen.
Die Israelis nennen das Pazifizierung. Die Römer nannten es Sicherheit. Die Deutschen nannten es Endlösung. Egal, wie man es nennt – am Ende bleibt immer dasselbe: ein Land, das sich selbst verschlingt. Ein Volk, das sich selbst vergiftet. Und eine Welt, die zuschaut, während die Ratten lachen.
Die Frage ist nicht, wann die nächste Seuche kommt. Die Frage ist nur noch: Wird sie schon jetzt an den Toren der Welt angekommen sein? Oder wartet sie noch in den Kellern von Gaza, bis die nächste Bombe sie freilässt wie einen gefangenen Dämon.