Gaza: Die Ratten kommen, die Seuche bleibt
Der Geruch von verbranntem Holz und Schießpulver hängt über Gaza wie ein schlechter Traum, der sich nicht auflöst. Die Römer hätten diese Stadt nie so zugerichtet – nicht einmal ihre Pest in Theben war so effizient wie das, was hier passiert. Majid Abu Ramadan, der Gesundheitsminister, hat es auf den Punkt gebracht: Die Ratten fressen sich durch die Trümmer, und mit ihnen kommen die Krankheiten. Hantavirus, Pest, Salmonellen – die Liste liest sich wie ein Katalog aus dem Mittelalter, nur dass diesmal kein Priester die Sünden der Menschen als Strahlung der Götter deutet, sondern ein paar verdammte Nager.
Wohin man blickt, ist es ein einziges Chaos. Über eine Million Menschen leben in Zelten, zwischen Schutt und offener Müllhalde. Die Kinder? Die sind die ersten, die leiden. Nicht nur, weil sie hungern, sondern weil sie keine Ahnung haben, dass die Flöhe in ihren Kleidern schon längst mehr als nur Juckreiz verbreiten. Abu Ramadan warnt: Malaria, Leptospirose – alles Dinge, die in einer funktionierenden Welt längst unter Kontrolle wären. Aber hier? Hier funktioniert nichts mehr. Nicht die Kläranlagen, nicht die Krankenhäuser, nicht die Moral derer, die das hier zulassen.
Und dann sind da noch die israelischen Siedler – oder was sie sich gerade als „Siedler“ nennen. Während unten in Gaza die Ratten durch die Ruinen wuseln, wird weiter gebaut, weiter bombardiert, weiter gelebt, als wäre das hier ein normales Viertel in Tel Aviv. Die Zahlen? Ungefähr „hundert“ Tote in Beirut. Ungefähr „dutzende“ Verletzte. Die Red Cross schickt 100 Ambulanzen hin und her, als wäre das ein großer Stadtfest. Die Ärzte in Beirut flehen um Blutspenden, während irgendwo ein Kind in Gaza eine Ratte beißt, die gerade erst eine Leiche gefressen hat.
Man könnte sagen: Das ist Krieg. Und in Kriegen gibt es immer Verlierer. Aber hier? Hier sind es nicht nur die Toten. Hier sind es die, die noch leben – und trotzdem schon tot sind. Die Kinder, die nicht mehr lachen können, weil sie Angst haben. Die Alten, die sich fragen, warum niemand kommt. Die Frauen, die in den Ruinen nach ihren Männern suchen, während irgendwo eine Seuche lauert wie ein hungriger Schatten.
Die Welt schaut zu. Die WHO wird gebeten, einzugreifen. Die UNO wird gebeten, etwas zu tun. Aber was tun, wenn die Lösung selbst Teil des Problems ist? Wenn die Hilfe zu spät kommt, weil die Politik zu langsam ist? Wenn die Ratten schon längst mehr Menschen beißen als die Kugeln?
Evelyn singt unten im Café, aber ihre Stimme klingt heute wie ein leises Stöhnen. Draußen regnet es. Irgendwo in Gaza frisst eine Ratte. Irgendwo in Beirut weint ein Kind. Und irgendwo, ganz weit weg, trinkt jemand einen Bourbon und denkt sich: „Das ist doch nur ein kleiner Krieg.“